Vorab: Ich bin in der denkbar schlechtesten Position, zu diesem Thema eine Meinung abzugeben. Bei meiner eigenen Stellung (deutsch: Musterung) wurde ich von der dortigen Psychologin wegen wahrheitsgemäßer Aussagen für Untauglich erklärt. Das bedeutet, dass ich von Wehr- und Zivildienst befreit war. Ich kann mich noch gut an den Tag der Stellung erinnern und das Papier, das mir ausgefertigt wurde. Beim Verlassen des Gebäudes bekam man eine Kiste mit Gegenständen geschenkt, für die Teilnahme. Ich wurde routinemäßig von den diensthabenden Soldaten gefragt, wie mein Entscheid lautete. Ich antwortete, dass ich für untauglich erklärt worden bin – leider. Nicht froh, nichts tun zu müssen. Nicht stolz, das System umgangen zu haben. Man sagte mir zwar, ich solle froh sein – doch ich hatte schon damals das Gefühl, dass ich mich um etwas gedrückt habe. Wenn ich heute noch einmal dort wäre – man hätte mich für tauglich befunden. Es ist lange her und ich bin heute ein anderer Mensch. In diesem Fall hätte ich mich für den Wehrdienst entschieden. Damals hatte ich mich bereits für den Wehrersatzdienst gemeldet – es kam nicht dazu. Mit einigem Recht dürfen meine Äußerungen dahingehend kritisiert werden, dass sie auf keinen persönlichen Erfahrungen fußen.
Darüber hinaus bin ich in meiner Meinung befangen. Der Freund meiner Schwester (ein Volksschulklassenkollege aus meinem Jahrgang) hat die Militärakademie absolviert und dient als Offizier. Einer meiner engsten Freunde aus Schulzeiten ist bei der Militärmusik, wo er sich freiwillig verpflichtet hat, länger zu bleiben und nun sich nun im Endspurt seiner Ausbildung zum Unteroffizier befindet, nach der er als Berufssoldat in der Militärmusik Oberösterreich weiterdienen wird. Gerade er wäre betroffen, da die Militärmusik in einem Profiheer keinen Platz mehr haben würde. Ich habe mich auch bei ihnen erkundigt, wie sie zur Thematik stehen. Sie werden sich für die Beibehaltung der Wehrpflicht entscheiden. Sie halten es für die bessere Lösung. Für das Heer. Und für sich selbst.
Ich musste ebenfalls meine eigene Meinung finden, um die Frage am 20. Jänner mit bestem Wissen und Gewissen beantworten zu können. Dieser Beitrag ist eine Beleuchtung der Gründe, warum ich mich am 20. Jänner für die Beibehaltung der Wehrpflicht entscheiden werde.
1. Die geplante Volksbefragung ist Missbrauch direkter Demokratie
Ich kaufe der geplanten Heeresreform, die der Volksabstimmung am 20. Jänner zugrunde liegt, nicht ab, aus tiefer Überzeugung, es besser machen zu wollen, durchgeführt zu werden. Für eine Entscheidung dieser Tragweite wirkt sie überhastet. Bis mindestens 2010 war die Regierungslinie klar auf Wehrpflicht. Der Debatte um die Einführung eines Profiheeres wird meinem Gefühl nach lediglich der Anstrich einer sachlichen Debatte gegeben. Ich vermute dahinter sehr wohl wahlkämpferische Ziele – und zwar auf beiden Seiten. Auf dieser Basis soll und darf keine Entscheidung für eine derart weitreichende Veränderung getroffen werden. Schon alleine deshalb hatte ich nie Sympathie für das vorgestellte Alternativmodell, so viele Mankos das aktuelle Modell auch besitzt. Eine kostspielige Verschlimmbesserung ist durch die Einführung eines Berufsheeres auf jeden Fall nicht auszuschließen.
Das Thema der Finanzierung der Modelle hat meiner Meinung nach nur untergeordnete Priorität, war aber anfangs die Initialzündung der Diskussion. Österreich gibt im Europavergleich eine sehr geringe Prozentzahl seines Bruttoinlandprodukts (nämlich 0.6%, Tendenz fallend) für Landesverteidigung aus. Selbst, wenn in diesem Bereich eine geringfügige Einsparung durch den Modellwechsel erreicht werden kann, ist sie kein probates Mittel zur Budgetsanierung im Großen. Meine im Militär dienenden Bekannten waren beide der Meinung, dass es heeresintern die Meinung vorherrscht, dass eine Reform zugunsten eines Berufsheeres die Kosten steigen lassen wird.
Insgesamt wirkt es schleierhaft, warum gerade in dieser Frage die Wähler um ihre Meinung gefragt werden. In anderen Fragen hat man es doch auch nicht getan? Wir leben in einer repräsentativen Demokratie – deshalb würde ich auch erwarten, dass die Regierungsparteien eine Frage wie diese in ihren eigenen Reihen klären – und nicht zum Bürger als Schiedsrichter laufen. Dieses Verhalten kann entweder bei jedem weitreichenderen Entscheid zur Anwendung gebracht werden – oder bei keinem. In einem kritischen Rundfunkinterview wurde gemeint, dass das Verhalten der Regierung damit abgestraft werden muss, indem abgestimmt wird – aber ungültig. Das halte ich für nicht richtig. Denn die Frage ist nicht nur Wehrpflicht oder Berufsheer – sie ist genauso: Beibehaltung des Status Quo oder Veränderung. Wenn ich der Regierung also sagen möchte, dass sie sich selbst um das Thema kümmern soll – und davon ausgegangen werden darf, dass die SPÖ mit Herzblut hinter dem Profiheer steht – dann stimme ich für die Beibehaltung des Status Quo. Diese Entscheidung spielt den Ball zurück zur Regierung, die sich eine – wie auch immer gelagerte – Reform dann selbst ausschnapsen muss. Deshalb wähle ich am 20. Jänner für die Beibehaltung der Wehrpflicht.
2. Die Frage Wehrpflicht oder Berufsheer ist eine Frage von primär gesellschaftspolitischer Dimension
Höchste Priorität hat für mich die gesellschaftspolitische Dimension der Frage, die allen wahlberechtigten Österreichern am 20. Jänner gestellt wird. Wie sehen wir unsere Rolle als österreichische Staatsbürger? Das Berufsheer will nicht in mein Weltbild passen, da ich der Meinung bin, dass den weitreichenden Rechten, die ein österreichischer Staatsbürger genießt, auch staatsbürgerliche Pflichten gegenüberstehen. Im Sinne einer Solidargemeinschaft bin ich der Meinung, dass es angemessen ist, Staatsbürger ein Jahr für den Zweck der Landesverteidigung und der Katastrophenhilfe auszubilden oder ersatzhalber der Stützung des Sozialsystems einzusetzen. Ich bin gegen ein Selbstverständnis als Bürger, der sich nur als Besitzer von Ansprüchen versteht. Das ist auch auf alle anderen Bereiche des Lebens gemünzt ein Selbstverständnis, das dort nicht funktioniert.
Die Volksbefragung ist für mich demnach keine Entscheidung, bei der es vordinglich darum geht, welches System in der Praxis wirksamer ist. Primär entscheiden wir uns dafür, ob wir entweder die Aufgabe der Landesverteidigung bzw. Stützung des Sozialsystems in Form eines Pflichtdienstes selbst in die Hand nehmen und zu einer obligaten und selbstverständlichen Erfahrung des Lebens eines Staatsbürgers machen, oder wir entscheiden uns dafür, dass es besser ist, diese Aufgabe an ein Untermenge der Bürger zu delegieren, die sich freiwillig für diese Art der Aufgabe melden und dafür ausgebildet werden, und streichen damit diese Erfahrung aus dem Leben der meisten Menschen. Diese Entscheidung ist für mich klar und deshalb wähle ich am 20. Jänner die Beibehaltung der Wehrpflicht.
3. Nur die Entscheidung für die Wehrpflicht lässt die Tür offen für das von mir favorisierte System eines Pflichtdienstes als völkische Solidaritäts- und Charakterschule
Meine Vorstellungen von Pflichtdienst (zwölfmonatige Wehrpflicht für Männer und Frauen mit Option auf Wehrersatzdienst in Form von Zivildienst) steht bei der Volksbefragung am 20. Jänner nicht zur Auswahl. Ich habe in den letzten Wochen eine persönlich wichtige Lektion in Sachen Politik gelernt: Aus den Angeboten, die bestehen, lässt sich selten eines wählen, dass den persönlichen Wünschen voll und ganz entspricht. So auch am 20. Jänner. In diesem Fall lohnt es, sich Gedanken zu machen, welches Angebot das Potential besitzt, die eigenen Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen – auch wenn die aktuelle Inkarnation dieses Angebots das nach außen nicht zeigt. Dieses Angebot ist die beste Wahl. Denn ein anderes Angebot (inklusive des Angebots, ungültig oder nicht zu wählen) macht es völlig ausgeschlossen, die eigenen Wünsche und Vorstellungen jemals aufblühen zu sehen. Deshalb wähle ich in diesem Fall die Option, die das Potential in sich trägt, die Früchte zu tragen, die ich eines Tages gerne sehen würde: Nämlich die Option auf Beibehaltung der Wehrpflicht. Ein Berufsheer, einmal eingeführt, wird nicht wieder rückgängig gemacht werden und nie das sein, was ich mir vom Pflichtdienst erwarte: Eine völkische Solidar- und Charakterschule, die den Samen einer Gesellschaft sät, die sich weigert, Landesverteidigung und soziale Dienste an Dritte auszulagern.
Nun sage ich nicht, dass ich mit dem Status Quo des Bundesheeres zufrieden bin. Es gibt zwei Arten von Kritik in diesem Fall: Die eine, die den Status Quo des Bundesheeres kritisch betrachtet und daraus ableitet, dass die Wehrpflicht durch ein Berufsheer ersetzt werden soll – und die andere, die daraus ableitet, dass die Wehrpflicht beibehalten, aber reformiert werden soll. Ich bin für eine Reformierung der Wehrpflicht. Die Kritik, dass 40% der Grundwehrdiener nach der Grundausbildung reine Systemerhalter ohne soldatische Aufgaben sind, kann ich gut verstehen. Auf breiter Basis wird inseriert, dass er Bub seine Zeit nutzen soll, und sie nicht absitzen. Das sehe ich ebenso – nur möchte ich das sinnvolle Nutzen der Zeit im Rahmen der Wehrpflicht realisiert sehen. Durch diese Art des Aufbaus eines Grundwehrdienstes hat sich das Bundesheer einen schlechten Ruf erarbeitet und nur wenige Grundwehrdiener sprechen anschließend mit Stolz davon, dass sie sich für den Grundwehrdienst gemeldet und dort etwas für das Leben gelernt haben. Dieses Gefühl des Stolzes auf breiter Basis, einen wertvollen Dienst für das eigene Vaterland geleistet zu haben wünsche ich mir zurück. Besser wäre es meiner Meinung nach, alle Grundwehrdiener im Rahmen eines längeren Grundwehrdienstes (nämlich wieder 12 Monaten) mit – nach Möglichkeit – allen Facetten der Landesverteidigung vertraut zu machen. Das sollte das Selbstverständnis des Bundesheeres sein: In der beschränkten verfügbaren Zeit, den jungen Leuten so viel mitzugeben, wie nur möglich ist – um sie für den Ernstfall besser vorzubereiten. Sie sind nicht zuletzt das Rückgrat der Landesverteidigung. Ich hätte kein Problem damit, wenn diese Reform die Kosten etwas nach oben treibt.
Weiter ist es ein Anachronismus, dass sich der Pflichtdienst auf die Jahrgänge junger Männer beschränkt. Nicht zuletzt seit Einführung des Zivildienstes als Wehrersatzdienst spricht alles dafür, auch junge Frauen in die Pflicht zu nehmen. Meine Meinung also: Wehrpflicht nicht nur für Männer – sondern für alle Staatsbürger.
Leider gibt es keine Garantie dafür, dass die konkrete Ausgestaltung des Pflichtjahres allen Teilnehmenden Profit bietet und zur guten Erfahrung wird. Wer an die falschen Menschen gelangt, der wird daraus keinen Gewinn ziehen. Jedoch ist diese Zeit des Pflichtdienstes im Wunschfall ein bereichernder Kontakt mit der Lebensrealität. Ich denke dabei an einen Blog-Beitrag über die BBC-Dokumentationsserie Mastercrafts, in dem korrekt argumentiert wurde, dass unsere Leben bereits sehr abstrahiert seien. Es gibt keine klare Relation mehr zwischen Handlung und Auswirkung – und wir deshalb nicht damit umgehen können, wenn eine solche auf einmal existiert. Da wird von folgenden Charakterzügen gesprochen:
- Trotzige Weigerung, die Grundlagen über viele Wiederholungen hinweg zu lernen
- Sich selbst viel zu wichtig nehmen
- Im Gegenzug: Sich selbst sofort fertig zu machen, wenn etwas nicht sofort funktioniert
- Keine Geduld haben, in welcher Form auch immer
Es wird aber auch angemerkt, dass sechs Wochen ehrliches Handwerk die Leute zu transformieren vermag. Und genau darin sehe ich eine große Chance des Pflichtdienstes. Gerade die Schulzeit ist eine Phase des Lebens, die – ähnlich den Universitäten später – einem Elfenbeinturm nahe kommt. Harte Resultate zählen nicht immer – und man kann sich auf viele Weisen irgendwie durchschummeln. Und Popularität zählt oft mehr als Resultate. Essayist Paul Graham merkt in einem seiner Essays an, dass Schulen oft Scheinwelten ähneln, in denen der Wettbewerb um Popularität an die Stelle von realen Resultaten tritt. Das ist auch der Grund, warum unpopuläre, unscheinbare Kinder mit Talenten im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich (wo reale Resultate oft alles sind) im nachschulischen Leben oft durchstarten, während die populären Kinder mangels realer Ergebnisse auf einmal hart aufschlagen und wenig erreichen. Schüler würden ohne Pflichtdienst direkt von einem Elfenbeinturm – der Schule – in einen anderen wechseln – der Universität/Fachhochschule. Der Pflichtdienst ist in dieser Hinsicht eine wertvolle Instanz, den Wert realer Resultate für das restliche Leben kennen und schätzen zu lernen. Auch ist es für Leute mit überfliegendem Ego eine Lektion in Demut, die heilend wirken kann. Ich muss an dieser Stelle noch einmal betonen, dass es sich bei diesen Gedanken um den Wunschfall handelt, der nicht erzwungen werden kann. Leider wird es manchen Pflichtdienern auch so ergehen, dass diese Zeit eine Tortur ist – so wie jede Episode im Leben zu einer Tortur werden kann, wenn sie mit den falschen Menschen erlebt wird. Dass dies präventiv zu vermeiden zu versuchen ist, daran besteht kein Zweifel.
Ich entsinne mich auch den Worten eines ehemaligen Professors an meiner Fachhochschule. Befragt zu seinen Erinnerungen an den Grundwehrdienst meinte er, dass die wertvollste Erfahrung für ihn war, zu lernen, dass es auch Menschen gibt, die ganz anders sind als er. Diese kamen aus völlig anderen Bevölkerungsschichten und gehörten zu den Menschen, die er abseits des Bundesheeres sein Lebtag nicht getroffen hätte. Auch diese demographische Durchmischung halte ich für eine sehr wertvolle Erfahrung. Sie öffnet Menschen die Scheuklappen, die wir alle ausnahmslos besitzen – da wir uns traditionell unter Menschen bewegen, die unserer Bevölkerungsschicht entsprechen. Den türkischstämmigen Maurerlehrling und den Bäcker aus einer Gemeinde 100 Kilometer weiter hätten wir – gemeinsam mit ihren Lebenswelten – nie kennen gelernt. Dieser Professor meinte im Übrigen, er hätte damals gelernt, wie dumm viele Menschen sind. Nicht abwertend, sondern erstaunt. Es hatte ihm geholfen zu verstehen, dass viele selbst die Grundlagen der Thematik, die er selbst behandelte (Biologie und Genetik) nie begreifen würden.
Als Randnotiz sei noch Folgendes erwähnt: Nicht zuletzt schafft ein zwölfmonatiger Pflichtdienst für studiumsaffine Maturanten einen zeitlichen Puffer zwischen Matura und Studienbeginn. Diese Zeit kann auch dafür genutzt werden, sich ohne großen Zeitdruck über seine eigenen tatsächlichen Pläne klar zu werden. Aus meiner eigenen Maturazeit weiß ich noch, dass die Fristen insgesamt sehr eng gesetzt waren – idealerweise hat sich der Maturant ohne Pflichtdienst bereits in den Monaten auf die Matura hin mit der Studienplatzsuche beschäftigen müssen – eine Zeit, in der der Kopf ganz woanders ist. In der Zeit zwischen Matura und Semesterbeginn im Oktober ist eine kurze. Ich gehöre zu den Menschen, die sich nachträglich gewünscht hätten, mehr Zeit gehabt zu haben, sich über die wahren Wünsche in Sachen Studium klar zu werden.
Meine Vision des Pflichtdienstes ist es also, dass er eine Instanz darstellt, aus dem die jungen Menschen um viele Erfahrungen reicher und gereift heraustreten und mit mehr Weitsicht als zuvor ihre weiteren Lebensentscheidungen zu treffen vermögen. Ich arbeite hier bewusst mit einem Idealbild und mache mir keinen falschen Hoffnungen, dass es in der Realität so makellos umzusetzen ist. Doch dieses Idealbild ist es, auf das die Politik in der Frage des Pflichtdienstes meiner Meinung nach hinarbeiten sollte. Deshalb wähle ich am 20. Jänner die Beibehaltung der Wehrpflicht.
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Ich habe Farbe bekannt. Meine Meinung ist mit Sicherheit kontrovers, doch sie ist kein Schnellschuss und Tagen der Überlegung entwachsen. Ich kann zu diesem Tag voll zu ihr stehen.







