Da nun bereits der Februar des Jahres 2010 angebrochen ist, wird es höchste Zeit, einen lang gehegten Gedanken meinerseits real werden zu lassen: Die Aufstellung einiger ganz persönlicher musikalischer Highlights des Jahres 2009. Musik hat mir auch in diesem Jahr viel bedeutet und in mir Emotionen gerührt, die anders nicht zutage getreten wären. Für mich bedeutet Musik eine innige Beziehung zu mir selbst mittels der Töne, die durch mich fließen. Deshalb ist die Liste auch als subjektiv zu betrachten – gemessen wird sie keineswegs an objektiven Qualitätskriterien.
Um es vorweg zu nehmen: 2009 gab es von keiner Gruppe ein Album, welches mich über Gebühr begeistern konnte – wie auch schon die beiden Jahre davor. Es wird mit den Jahren scheinbar immer schwieriger, ein richtiges Meisterwerk zu veröffentlichen. Ein wenig wehmütig denke ich an Jahre zurück, in denen ich mich schwer habe entscheiden müssen, was nun die Platte des Jahres für mich ist. Nichtsdestotrotz gab es 2009 einige Veröffentlichungen auf wirklich hohem Niveau.
Pet Shop Boys – Yes
Die beiden Akteure der Pet Shop Boys, Neil Tennant und Chris Lowe zählen anno 2010 bereits deutlich über 50 Lenze und dennoch produzieren sie Musik wie am ersten Tag. Während ich vor 2009 hauptsächlich die Singe-Auskopplungen der höchst erfolgreichen Gruppe kannte, habe ich dieses Jahr das erste Mal ein gesamtes Album des Duos absorbiert.
Die warmen, weichen Synth-Klänge sind ansprechend und kunstvoll arrangiert. Sie schaffen eine wohlige Atmosphäre, der ich mich kaum entziehen kann. Die Musik trifft den magischen Punkt auf der Rasierklinge zwischen Pop-Kitsch und Unzugänglichkeit mit beeindruckender Sicherheit – Track um Track. Ich kann mich der Meinung, die Pet Shop Boys würden perfekten Pop produzieren in diesem Sinne nur anschließen. Sie tun es. Und machen dabei eine gute Figur. Ich hoffe, sie bleiben noch lange im Geschäft.
Zu erwähnen sind auch noch die Texte. Obwohl die Musik immer den Charme einer Fahrstuhlfahrt in sich trägt, beschäftigt sie sich textlich mit tiefgründigeren Themen wie persönlichen Abgründen und gesellschaftlicher Entwicklung.
Anspieltipps: Vulnerable, Building a Wall, The Way it used to be, This used to be the future
Mantus – Requiem
Gewöhnlich habe ich nicht viel mit dem Dunstkreis der Gothic-Szene zu tun – hie und da schafft es aber ein Album, mich zu packen. Mantus ist dies mit Requiem auf jeden Fall gelungen. Ohne viel Pomp aufgezogen erschlagen einen die Emotionen, die die Noten mit sich tragen wie eine Wand. Mich hat diese Form der Musik schwer beeindruckt. Von Musik mit deutschen Texten konnte ich bis unlängst nicht viel anfangen – Mantus haben mich allerdings überzeugt, dass es ausgezeichnet funktionieren kann.
Mantus haben sich 2005 aufgelöst und erst für dieses Album wiedervereinigt. Getragen vom Stimmenduett von Martin und Tina Schindler bieten sie Klanglandschaften schöne Abstufungen in alle erdenklichen Richtungen – nur düster bleibt es über die gesamten annähernd 60 Minuten, die der Langspieler sich dreht.
Anspieltipps: Untergang, Requiem, Bei mir, Labyrinth der Zeit
Gazpacho – Tick Tock
Für mich ist es wichtig, dass Musik Seele hat. Gazpacho, die Norweger, die sich nach kalter Gemüsesuppe benannt haben, haben diese Seele auf jeden Fall wunderbar eingefangen.
Tick Tock klingt in seiner Gesamtheit wie eine wundersame Erzählung aus dem Orient – ich musste dabei ein wenig an die Seele des Buches Ich ging den Weg des Derwisch denken. Die Musik ist mehr eine Traumreise als eine akustische Untermalung. Es wundert mich nicht, dass die Basis des Werks das Buch Wind, Sand und Sterne ist. Dieses Buch habe ich zwar nicht gelesen, seinen Stil vom kleinen Prinzen dennoch als ähnlich in Erinnerung.
So verzaubert diese Platte über den Großteil ihrer Länge. Schöner als mit Winter is never hätte sie auch nicht enden können. Wirklich wunderbar.
Anspieltipps: Bitte das Werk in seiner Gesamtheit genießen!
VNV Nation – Of Faith, Power and Glory
VNV Nation hier zu erwähnen ist mutig. Zwar ist das ursprünglich irische Electronic-Duo, das sich nun in Deutschland niedergelassen hat, ein Garant dafür, seinen Stil mit einem neuem Album immer wieder in eine neue Richtung zu verschieben, allerdings ist das jüngste Machwerk der Gruppe kein Meilenstein in musikalischer Qualität, wie es Empires seinerzeit vielleicht noch war.
Dennoch – VNV Nation nehmen in meinem Herzen stets eine besondere Stellung ein. Kein anderer Act kann mich mit der Symbiose aus Lyrics und Melodie dermaßen tief berühren, mit keinen Titeln verbinde ich tiefere Gefühle als mit denen der Combo. Auch auf diesem neuen Album ist es nicht anders. Ronan Harris ist ein Meister darin, Hymnen zu schreiben, das kann ich ihm auch hier nicht verkennen.
Zusammenfassend darf ich VNV Nation’s Of Faith, Power and Glory mit gutem Gewissen eine Honorary Mention zugestehen. Wenn nicht allein der Sympathie wegen, dann doch wegen der extrem dichten Atmosphäre in Ghost, der Tanzbarkeit von Defiant und der bisher noch nicht gesehenen Synthese aus Text und Lied, die Art of Conflict mit der auralen Inkarnation des Klassikers von Sun Tzu zeigt.
Anspieltipps: Ghost, Sentinel, Art Of Conflict, Defiant, Where There Is Light
Pain of Salvation – Linoleum
Pain of Salvation haben eine ganze Weile nichts von sich hören lassen. Linoleum ist ihr erstes Lebenszeichen – und auch nur eine EP, statt eines kompletten Albums. Ein solches soll unter dem Namen Road Salt dieses Jahr erscheinen.
Zu Linoleum gibt es prinzipiell nur eines zu sagen: Daniel Gildenlöw ist und bleibt ein Magier der Stimme. Die Intensität, die die Atmosphäre auf dieser EP trägt, ist einzigartig. Er wimmer, er wispert, er schreit, er kreischt. Ganz großes Emotionen-Tennis. Als ausgewachsenes Album wäre es vielleicht der Höhepunkt des musikalischen Jahres 2009 für mich.
Anspieltipps: Bis auf die Bonus Tracks alles
Airbag – Identity
Die vergleichsweise unbekannte norwegische Band Airbag hat mit Identity für mich eines der besten Wohlfühl-Alben des Jahres gezaubert. Der Klangteppich ist durch die gesamte Laufzeit hindurch wunderbar sanft fließend aufgebaut und vermisst alle Ecken und Kanten, die an einem späten Abend, an dem nur noch musikalische Schönheit genossen werden möchte stören könnten.
Ein Album zum Zurücklehnen und Genießen.
Anspieltipps: No Escape, Safe like You, Colours
IQ – Frequency
Unglaublich, wie lange die Jungs rund um IQ jetzt schon im Geschäft sind. Mit der Tour zum damaligen Album Dark Matter feierten sie ihr 25-jähriges Bestehen und standen 2009 wieder mit einem neuen Album am Start – Frequency.
IQ war eine der Gruppen, die ich wiederholt hören musste, ehe ich an der Musik etwas finden konnte. Es war wahrscheinlich erst der dritte ernsthafte Anlauf, der mich überzeugt hat – seither habe ich allerdings eine ganz eindeutige Affinität für die Musik, daher auch eine große Vorfreude auf das Album. IQ zeichnen sich seit Jahren durch solide Arbeit im Neo-Prog-Genre aus und trotz personeller Umbesetzungen – Altmeister Martin Orford hat nach über 25 Jahren der Gruppe und dem Musikgeschehen den Rücken gekehrt – setzen sie diesen Weg fort.
Frequency wirkt frischer als die vorigen Veröffentlichungen von IQ und hat dieses besondere Etwas, das es zwar nicht zu einem Meisterwerk, jedoch zu einem sehr starken Stück Musik macht. Es ist eine runde Sache, was uns da von den Briten präsentiert wird und lässt dabei an Epik genauso wenig vermissen wie an Harmonie. So haben sich IQ 2009 ganz unauffällig ein ganzes Stück weiter in mein Herz gespielt.
Musik braucht für mich Monate um wirklich zu reifen. Alben, die mir im ersten Anlauf gefallen spielen sich oft erstaunlich schnell tot. Ein Album muss mich auch Monate nach dem ersten Hören noch begeistern können – dann erst hat es für mich einen Sonderstatus. Dieses Prädikat hat sich Frequency ein klein wenig mehr verdient als die zuvor (und noch) genannten Alben in diesem Artikel. Damit ist Frequency von IQ mein persönliches Album des Jahres
Anspieltipps: Frequency, Ryker Skies, Closer
Subsignal – Beautiful and Monstrous
Ich war sicher nicht der einzige Freund progressiver Rockmusik, der die Bekanntgabe der Auflösung von Sieges Even traurig beklagt hat. Nach der letzten Umbesetzung konnten die deutschen Mannen mit The Art of Navigating by the Stars (2005) und Paramount (2007) bei mir viele Punkte sammeln. Umso freudiger habe ich die Nachricht vernommen, dass große Teile der Band unter dem neuen Namen Subsignal wieder Musik produzieren. Besonders gefreut hat mich die Tatsache, dass weiter Arno Menses am Mikrophon steht – ein Mann mit einer ungemein warmen und schönen Stimme, die mich begeistert.
Kritiker schrieben davon, dass Subsignal ‘Sieges Even ohne hart’ sein soll. Ich muss ihnen recht geben – glücklicherweise! Auf diese Weise ist die Musik noch leichter, fließender und schöner – und die düsteren Szenen erhalten mehr sphärisches Flair. Trotzdem kann Beautiful and Monstrous nicht ganz mit den Quasi-Vorgängern mithalten.
Sollten Subsignal ihren Weg konsequent weiter gehen, erwarte ich von der Gruppe in naher Zukunft echte Großtaten!
Anspieltipps: Where Angels fear to tread, Paradigm, The Trick is to keep breathing, To hope that the Road is long
Riverside – Anno Domini High Definition
Nach dem Finalisieren der Reality Dream-Trilogie, die die Alben Out of Myself (2003), Second Life Syndrome (2005) und Rapid Eye Movement umfasste widmeten sich die polnischen Prog-Metal-Pioniere Riverside wieder neuem Material. Scheinbar war dieser Schritt überfällig, denn die schiere Dichte an Material, die einem aus Anno Domini High Definition entgegen quillt strotzt nur so vor kreativem Chaos.
Der Name des Albums ist bezeichnend – auch seine Abkürzung ADHD, die genauso für Aufmersamkeitsdefizit-Syndrom steht. Das Album handelt von der Hektik und Kurzlebigkeit der modernen Zeit und wie die Menschen an diesen Umständen zerschellen können. Ausgedrückt wird dies in Form neuer, kreativer Ansätze, vermischt mit altbekannten Ideen und Instrumenten. Ganz neu ist beispielsweise eine Trompeten-Einlage auf Egoist Hedonist.
Die Qualität der Stücke ist insgesamt ausgezeichnet, auch wenn das Album mit bezeichnenden 44:44 Laufzeit etwas kurz geraten ist. Abgesehen von der Anzahl der Stücke – 5 – ist die Zahl 4 damit signifikantes Element – vier Worte im Tracktitel, viertes Album der Band, 44:44 lang.
Es darf als komprimierter Beweis des Talents der polnischen Musiker angesehen werden, die damit zu einer der gesetzten Größten im Prog-Metal aufsteigen (neben Dream Theater, Pain of Salvation, Symphony X und Konsorten).
Anspieltipps: Alles.
The Devin Townsend Project – Addicted!
Nachdem Devin Townsend 2007 bekannt gab, sich aus musikalischen Belangen zurück zu ziehen war die Enttäuschung groß. Scheinbar hielt es den Chaoten aber nicht lange – bereits Ende 2008 kündigte er sein nächstes Monsterprojekt an: Im Rahmen des Devin Townsend Projects kündigte er vier Alben an, von denen die ersten beiden 2009, der Rest 2010 erscheinen sollte. Ich habe selten zuvor eine vergleichbare Dichte an Material von einem Musiker in diesem Bereich erlebt. Die vier Alben sind:
- Ki (2009)
- Addicted! (2009)
- Deconstruction (2010)
- Ghost (2010)
Während Ki ein sehr ausgewogenes Album dargestellt hat, das von sehr sanft bis hart rangiert, hat sich Devin für Addicted! vorgenommen, von der Produktion her deutlich näher an ein Pop-Album heran zu rücken. Die Rezeption dieses Schrittes ist gemischt ausgefallen – die einen fanden es genial, die anderen konnten nichts damit anfangen. Alle, denen das Album too much war, kann ich verstehen – die Produktion ist wirklich extrem dicht und lässt kaum Pausen zu, um die unbedingt notwendige Luft zu holen – die bleibt einem nämlich weg, angesichts so mancher Passagen!
Devin verwendet seit jeher das Klangelement der Wall of Sound exzessiv – und macht auch auf Addicted! hier keine Ausnahme. Wie ein Taifun überkommt einen die Flutwelle an Tonmaterial und spült einen fort. Es braucht tatsächlich einige Durchläufe, um das Album durchzuhalten. Dann allerdings sollte es ein kleines Feuerwerk zünden. Mir zumindest hat es in diesem Jahr viel gegeben, wenngleich es auch nur halb so gut war, wie der Trailer versprochen hatte.
Anspieltipps: Addicted!, Hyperdrive!, Supercrush!, Awake!
Delain – April Rain
Zugegeben – Delain erfinden nichts neu. Weder sich selbst noch das Genre. Allerdings ist ihre Herangehensweise an den female fronted gothic metal dermaßen überzeugend, dass er es in die Top-Liste 2009 geschafft hat. Das Album April Rain kennt von vorne bis hinten einfach keine Durchhänger. Es ist gewiss Martijn Westerholt zu danken, dass er aus den Mitgliedern seiner Band so viel heraus holen konnte – im Studio wie danach in der Post-Produktion – die Studio-Qualität vermag die junge Sängerin Charlotte Wessels (sie wird dieses Jahr erst 23 Jahre alt) live noch nicht beweisen.
Nichtsdestotrotz – Qualität auf Platte soll als solche gewürdigt werden. Delain ist ein wirklich überzeugendes Album gelungen, mit dem sie vorübergehend die Konkurrenz in Form von Within Temptation, Nightwish und Co spürbar distanzieren.
Anspieltipps: April Rain, On the other Side, I’ll reach you
Katatonia – Night is the new Day
Ich werde das Gefühl nicht los, Katatonia gehen mit wahnsinnig viel Selbstvertrauen in dieses Album hinein. Berechtigt wäre es, nach dem starken Vorgänger The Great Cold Distance. Auf jeden Fall klingen die Töne teilweise zwischen den Zeilen sehr mutig und selbstüberzeugt – und dem Vorgänger extrem ähnlich. Die düstere Atmosphäre hat Katatonia mittlerweile als Hausrecht gebucht – und sie auf diesem Album noch einmal perfektioniert.
Während die ‘kalte’ rote Farbe das Vorgängeralbum dominiert hat, rückt sie auf diesem Album stark in den Hintergrund (wie schon auf dem wunderschönen Cover ersichtlich – in Sachen Cover auf jeden Fall Album des Jahres!), es dominieren Schwarz und Grautöne und ihre klanglichen Äquivalente. Katatonia sind in diesem Metier zu Hause und machen klar, dass ihnen in Sachen Düster-Metal so schnell keiner etwas vormachen kann. Top!
Anspieltipps: Forsaker, Liberation, Day and then the Shade
Exivious – Exivious
Zum Abschluss noch ein rein instrumentales Album. Mit Mitgliedern von Cynic und Textures bestückt, bieten Exivious eine stilistisch anspruchsvolle und melodisch ansprechende Reise in das Reich der progressiven Klänge. Das Albumcover entspricht etwa der Struktur der Songs – durcheinander gewürfelt und doch ästhetisch.
Ein Außenseiter-Tipp, den ich nur von ganzem Herzen weiter geben kann. Wunderbar zum nebenher laufen lassen – wenngleich die Musik dafür schon zu schade ist. Das Album ist in etwa das, was ich mir von Planet X dieses Jahr eigentlich erwartet hätte – abzüglich der dominanten Keyboards von Derek Sherinian.
Anspieltipps: Ripple of a Tear, Waves of Thought














