Nachdem ich viel Freude an der Erstellung eines Artikels hatte, der auf das musikalische Jahr 2009 zurück blickte, setze ich diese Serie fort und blicke nun noch ein Jahr weiter zurück. Ungemein, welche Erinnerungen im Einklang damit wieder hoch kommen und welche Juwelen man wieder entdeckt, die man annähernd vergessen hatte. Zwei Jahre sind viel Zeit, wenn man zurück blickt. Doch Musik hat den Vorteil, ewig zu währen. Das macht ihre Magie aus.
2008 ist wie 2009 für mich ein Jahr gewesen, in dem ich kein wirkliches Über-Album ausmachen konnte – trotz zahlreicher sehr guter Veröffentlichungen. 2008 waren neue Alben von Größen wie Ayreon und Opeth angekündigt, die in Vergangenheit mit großen Meisterwerken von sich hören machten – dieses Jahr blieben alle etwas hinter meinen Erwartungen zurück.
Nichtsdestotrotz: Kommen wir zu den Highlights des Jahres.
Ayreon – 01011001
Vier Jahre nach Arjen Anthony Lucassen‘s letztem Großwerk The Human Equation, in dem er mit einem gewaltigen Star-Aufgebot die 20-tägige Geschichte eines komatösen Patienten erzählte geht der Mastermind von Ayreon in seiner Album-Geschichte wieder einen Schritt zurück und behandelt die Geschichte der imaginären Rasse der Forever, die auf ihrem Planeten Y zu ewigem Leben gediehen sind – auf Kosten ihrer Emotionen – und schließlich eine Expedition auf die Erde wagen um dort einen Neuanfang zu wagen.
Die Storyline ist aufwändig inszeniert – wieder bietet Arjen zahlreiche Stars der Musik-Szene auf, die seinem Ruf nach einem neuen Album folgen. Die Stimmung der Songs ist großartig und teilweise wird an die Großtaten früherer Alben angeknüpft – allerdings gibt es auch spürbare Ausfälle auf diesem Album. Deshalb kann Arjen hier ‘nur’ ein sehr gutes Album vorweisen und kein Meisterwerk.
Anspieltipps: Beneath the Waves, Unnatural Selection, E=MC², The Fifth Extinction, The Sixth Extinction
This Misery Garden – Another Great Day On Earth
Honorary Mention für dieses junge Schweizer Gothic-Projekt. Ich habe diese CD gewählt, weil sie trotz des extrem grauen Grundthemas auch im Hochsommer überzeugen konnte (ich kann mich daran erinnern, mich um das Heu auf den Wiesen auf dem Hof meiner Eltern gekümmert und diese CD endlos gehört zu haben). Die Harmonie der einzelnen Lieder ist sehr satt und über die gesamte Spieldauer getragen – was auch kleinere Schnitzer verzeiht. Der Sänger der Gruppe weiß mich besonders zu überzeugen – seine Stimme gibt dem gesamten Paket einen unverwechselbaren Touch.
Anspieltipps: Vermilion River, Instant Recoil, Pantomimes, Rejection Song
Demians – Building an Empire
Wie schlecht kann eine CD sein, wenn sie von Steven Wilson, Mastermind der Genregröße Porcupine Tree als “… das beste, was ich seit langer Zeit gehört habe.” bezeichnet wird? Nicht besonders schlecht, wie ich meine.
Ich würde es zwar nicht so drastisch ausdrücken wie unser englischer Musikexperte (man muss einmal seine Kompetenz im Quiz erlebt haben!), allerdings hat der französische Multiinstrumentalist Nicolas Chapel mit seinem Erstling Building an Empire ganze Arbeit geleistet und kratzt bisweilen an der Grenze der absoluten Genialität – ein grenzgeniales Album also.
In meinen Augen enthält dieses Album mit Sapphire einen der absolut Tracks des Jahres, aber auch der Spannungsaufbau in Sand ist ein gewaltiger akustischer Eindruck. Reinhören!
Anspieltipps: Sapphire, Empire, Sand, Earth
Frost* – Experiments in Mass Appeal
Jem Godfrey ist der Mann, der aus dem Abseits kam und die Prog-Welt von hinten aufrollen wollte. Großspurig erzählte der Produzent von Tracks wie Atomic Kittens “Whole Again” davon, wie sich die scheinbar progressive Musik immer nur im Kreis drehen würde und nicht voran käme. Auf seinem Erstlingswerk Milliontown hat Jem seinen ersten Versuch gefeiert, dieses Ziel zu erreichen und legt dieses Jahr mit Experiments in Mass Appeal noch ein Scherflein nach.
Dem Anspruch an sich selbst, nicht auf dem selben Fleck stehen zu bleiben, folgend hat Jem wirklich eine Evolution seines eigenen Sounds geschaffen und die flächigen Keyboards, die Milliontown dominiert haben stark zurückgeschnitten – sodass das neue Album lyrischer und gitarrenlastiger daher kommt. Das schlägt sich auch in der für Prog-Verhältnisse knackigen Kürze der meisten der neuen Songs nieder, die einen sehr kompakten Eindruck hinterlassen – wie man es von einem gekonnten Pop-Produzenten gewohnt ist. Ich bin geneigt zu sagen, dass in Toys keine einzige Note und Sekunde deplatziert oder zu viel ist – das gelingt den wenigsten Bands.
Fazit? Das Album ist als Ganzes in seinem Sound spürbar generisch und austauschbar, dafür ist die Qualität der Songs extrem hoch. Jem hat hier eines der Kleinode des Jahres gezaubert – mit seinem ganzen Herzblut, wie man auf den zahlreichen YouTube-Clips, die dem Album vorangegangen sind gut erkennen kann.
Anspieltipps: Welcome to Nowhere, Dear Dead Days, Falling Down, Toys
Serenity – Fallen Sanctuary
Serenity ist im Jahr 2008 dafür zu danken, daran erinnert zu werden, dass es weiterhin großartige Musik aus Österreich gibt. Die vier Tiroler liefern nämlich in diesem Jahr einen Kracher ab, der sich in seinem Genre anschickt, die Krone zu erobern. Die extrem eingängigen Melodien und Soli aller (!) Tracks dieses Album der Spitzenklasse setzen Serenity im (Symphonic) Progressive Power Metal in diesem Jahr weit von der Konkurrenz ab und machen Genre-Primus Kamelot durchaus Konkurrenz.
Die Musik macht einfach Spaß, Stimmung und das Gesamtbild sind ausgezeichnet.
Anspieltipps: All Lights Reserved, Sheltered (By the Obscure), Derelict, The Heartblood Symphony, Velatum
Pendragon – Pure
Wer dachte, Neo-Prog sei ein veraltetes Genre, das sich selbst immer nur im Kreis dreht, der wird 2008 von Pendragon durch die Veröffentlichung von Pure eines Besseren belehrt. Erstaunlich farbenfroh und frisch kommt die Musik daher und weiß in allen Facetten zu überzeugen. Die alten Herren aus England haben hier einen kaum zu erwartenden Joker gezogen und zeigen sich frisch wie am ersten Tag. Diese Veröffentlichung ist tatsächlich progressiver als das, was in vielen anderen Genres die letzten Jahre gezeigt wurde. Ein mutiger Schritt, der nur ein Fazit zulässt: Dafür gibt es von mir fünf Daumen nach oben!
Anspieltipps: Indigo, Comatose II: Space Cadet, The Freak Show
It Bites – The Tall Ships
Mit It Bites darf 2008 ein weiterer bereits älterer Act seine Rückkehr bekannt geben. Die Engländer, die in den späten 80ern in der britischen Untergrund-Rock-Szene höchst erfolgreich waren, geben damit ihren Einstand im 21sten Jahrhundert unter der Leitung von John Mitchell, der auch im bereits genannten Projekt Frost* mitspielt und damit als einziger mitwirkender Musiker in dieser Liste zwei Einträge für sich behaupten kann.
Die Gemeinsamkeiten von It Bites anno 2008 mit Projekten wie Frost* sind durch die personellen Parallelen nicht von der Hand zu weisen – nehmen der Sache aber die Qualität und Originalität keineswegs weg. Die Eingängigkeit der Tracks ist einzigartig – und macht nach kurzer Zeit abhängig. Die wunderschönen Hymnen auf dieser stimmungsvoll gestalteten CD gehören für mich auf jeden Fall zu den Highlights des Jahres. Ich empfehle die Musik vor allem für Autofahrten.
Anspieltipps: Oh My God, Memory of Water, The Wind that Shakes the Barley, Fahrenheit, Lights, This is England
Flowing Tears – Thy Kingdom Gone
Die deutschen Flowing Tears bieten mit Thy Kingdom Gone dieses Jahr die metallisch-kalte sowie phasenweise farbige Alternative zum tiefgrauen Album der bereits besprochenen This Misery Garden an.
Bei den Deutschen handelt es sich im Gegensatz zu den Schweizern allerdings keineswegs um Neueinsteiger – die Gruppe ist bereits seit 1994 im Geschäft. 2008 schaffen sie erneut einen großen Wurf und versetzen den Hörer in schwermütige Tiefen der Verzweiflung und des leidenschaftlichen Kampfes dagegen. Die charismatische Stimme der Frontfrau Helen Vogt verleihen der Musik eine ganz besondere Qualität – für eine Frau singt Helen sehr tief und erzeugt damit ein Volumen, das vielen Frauenstimmen fehlt.
Ein wunderbares Herbstalbum, das ich persönlich stilistisch besonders gerne mit den grauen Eminenzen Paradise Lost vergleiche.
Anspieltipps: Pain has Taken Over, Rain of a thousand Years, Words before you leave, Kismet, Souls of the Neon Reign
Cynic – Traced in Air
Cynic haben sich für ihr zweites Album Traced in Air ordentlich Zeit gelassen – 15 Jahre sind seit ihrem Erstlingswerk Focus vergangen.
Zu diesem Album stehe ich gespalten. Auf der einen Seite ist es überwältigend und genial in seiner musikalischen Darbietung sowie Stimmung, auf der anderen Seite wirkt es fast schon zu bemüht, genial zu sein, um noch authentisch zu wirken. Am Ende des Tages dominiert allerdings der Eindruck der Genialität. Cynic haben sich mit diesem Album selbst ein Denkmal gesetzt und gehören wohl zu den wenigen Bands, denen man es nicht zum Vorwurf machen kann, nach 15 Jahren nicht einmal 33 Minuten Musik geschaffen zu haben. Hier geht Qualität ganz klar vor Quantität. Eine runde Sache, darf zurecht behauptet werden.
Auf dass es nicht wieder 15 Jahre dauern wird, bis Cynic ein Album veröffentlichen. Für das Album-Cover bekommen die Jungs übrigens den Award für das beste Album des Jahres praktisch geschenkt: Ich habe eine Affinität für ätherisch anmutende Figuren.
Anspieltipps: Bei einem derart kurzen Album bitte alles hören.
Unheilig – Puppenspiel
Unheilig haben es nur dadurch auf die Liste geschafft, dass ich sie erst jetzt schreibe – denn ich bin erst vor einigen Monaten auf die Band des Grafen aufmerksam geworden. Während mich die früheren Veröffentlichungen der Band durch Songs, deren Qualität spürbar abgefallen ist noch enttäuscht haben, habe ich 2008 den Eindruck, dass der Graf die Qualitäten seiner Musik bündeln konnte und mit Puppenspiel ein astreines Spitzenalbum hinlegt.
Die wohldosierte Mischung aus harten Gitarren und technoider Elektronik schafft einen Klangteppich, der über jeden Zweifel erhaben ist. Die Songs sind druckvoll musiziert, die Vokalisierung rangiert von gefühlvoll-sanft bis hitzig-treibend – der Graf deckt hier alle Nuancen des Spektrums ab. Vor allem aber die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, die hinter der Musik steckt verleihen ihr die Kraft, in die Herzen des Hörers einzudringen. Vom ersten Durchlauf des Albums zum beherzten Mitsingen der Texte, die genauso gut ins Ohr wie ins Herz und Hirn gehen, ist es meist nicht weit.
Unbedingte Hörempfehlung!
Anspieltipps: Vorhang auf/Puppenspiel, Dein Clown, An deiner Seite, Lampenfieber
The Pineapple Thief – Tightly Unwound
Auch 2008 darf natürlich das jährliche Wohlfühlalbum nicht fehlen. Trotz phasenweise rockig-sperriger Elemente produzieren The Pineapple Thief vornehmlich Musik, die das klangliche Äquivalent zu weicher Butter darstellt – wunderbar weich und sanft. Die Klangteppiche der Gruppe können sich dem Vergleich mit Porcupine Tree nicht entziehen – die Musik beider Gruppen besitzt erstaunlich viele Parallelen – wie auch Eigenständigkeiten.
Unabhängig davon ist Tightly Unwound musikalisch über praktisch jede Kritik erhaben – abgesehen von dem Vorwurf, sich selbst zu wiederholen, den sich die Gruppe durchaus gefallen lassen muss. Die Melodien machen abhängig, die Tiefe der Songs lädt dazu ein, sich tief darin fallen zu lassen und die erzeugte Stimmung ist großartig. Wer es also gerne etwas sanfter hat, der greife hier zu.
Die Musik darf gerne den Hintergrund ausfüllen, ohne die Qualitäten vordergründiger Musik zu verlieren. Auf längeren Radtouren war mir diese CD oftmals ein treuer Begleiter, der gerne zur Verwendung kam.
Anspieltipps: Shoot First, Tightly Wound, Different World
Dark Suns – Grave Human Genuine
Zum Abschluss ein Wackelkandidat. Dark Suns haben Anfang 2008 mit Grave Human Genuine ein Album aufgenommen, das einige großartige Momente mit Momenten der Mittelmäßigkeit verbindet. Allerdings strahlen die großartigen Momente so hell in ihrer inhärenten Dunkelheit, dass ich das Album nicht mit gutem Gewissen unerwähnt lassen kann.
Die Stimme des Vocalisten Niko Knappe hat eine ganz spezielle Note, die der Musik eine Fragilität verleiht, die ich selten zuvor zu hören bekommen habe und mich in einigen Momenten des Albums auf eine Weise verzaubert, wie es nur ein absolutes Meisterwerk vermag. Deshalb kann ich das Album schließlich doch ohne Bauchweh als eines meiner persönlichen Highlights 2008 anführen.
Anspieltipps: Flies in Amber, Free of You, Papillon













