Endlich wieder ein Konzert. Nach einer beträchtlichen Konzertpause (immerhin habe ich mir nach dem Night of the Prog-Festival kein Konzert mehr angesehen) hatte ich gestern wieder die Gelegenheit, eines zu besuchen. Konzerte sind für mich etwas Besonderes – nirgends sonst komme ich so intensiv mit mir selbst in Kontakt wie in der Extase, die ich während eines Konzerts regelmäßig erlebe. Endlich wieder ein Konzert.
Die Wahl des Künstlers fiel an einem durch und durch regnerischen Jänner-Donnerstag auf die finnischen AMORPHIS. Die Gruppe kenne ich schon länger, doch waren sie nicht der wahre Grund meines Konzertbesuchs. Ich fieberte in erster Linie dem Auftritt der zweiten Vorband LEPROUS entgegen, die mich mit ihrem 2011er-Album “Bilateral” begeistert haben. Die dritte Band im Bunde waren die mir unbekannten Finnen von THE MAN-EATING TREE. Wie schon üblich bin ich mit meinem Freund Simon aufgebrochen – um unserer schon beträchtlichen gemeinsamen Konzerthistorie noch eine Station anzufügen.
Für uns war es der erste Besuch im Salzburger Rockhouse und wir haben uns in der Anfahrt auch gleich prompt verfahren. Ich habe bereits klarer beschilderte Autobahnabfahrten als Salzburg-Nord erlebt. Dennoch waren wir zur rechten Zeit vor Ort. Die Security-Checks waren recht lax, ich konnte meine DSLR problemlos in den Konzertsaal mitnehmen (nicht selbstverständlich). Etwas, das mir sofort auffiel waren die vielen in schwarz gekleideten Besucher. Da ich meine eigene schwarze Kluft sukzessive ausmustere, hatte es schon etwas Amüsantes, wie fehl am Platz ich mit braunem Fischgrät-Sakko und türkisem Stoffschal gewirkt haben muss. Auf Simons Anraten hin habe ich mich noch vor dem Konzert davon getrennt – war mit meinem weißen Devin-Townsend-Project Tourshirt farbtechnisch allerdings auch eher die Ausnahme denn die Regel.
Die Venue selbst war deutlich kleiner als erwartet. Das Konzert von Devin Townsend in der Szene Wien letzten März (Asche über mein Haupt – ich habe anno dazumal keinen Bericht verfasst) hatte wider Erwarten demnach mehr Besucher als der gestrige Abend, es werden an die 300 Leute gewesen sein, die sich für AMORPHIS und Supports versammelt haben. Die Zuseher waren allesamt sehr angenehm – selbst beim Haupt-Act gab es kein Geschubse und alle Leute hatten genug Platz, um bequem zu stehen. Durch die kluge Entscheidung, schon bei der ersten Vorband die erste Reihe zu besetzen konnte ich von Anfang bis Ende freie Sicht genießen. Wunderbar!
THE MAN-EATING TREE (FIN)
Den Auftritt von THE MAN-EATING TREE habe ich musikalisch vor allem als Wall of Sound in Erinnerung. Die Finnen scheinen sich dem Breitband-Klang verschrieben zu haben. Der Auftritt hat gefallen, mich aber nicht gefesselt. So wie das nun einmal ist, wenn mir die Band unbekannt ist. Angenehmen Kontakt zum Publikum konnte die Band dadurch herstellen, dass der Sänger sehr gut deutsch konnte und alles in Landessprache anmoderierte. Ein herzliches “Servus, Salzburg!” kommt in Österreich immer gut an. Amüsantes Detail am Rande: Der Besucher neben mir meinte, er hätte die Band schon früher gesehen und der Sänger – der sich auf der Bühne wunderte, warum er deutsches Bier in Händen halte, und kein Gösser oder Zipfer – wohl zu viel Bier getrunken hätte. Letztes Jähr hätte er noch keinen solchen Bauch gehabt.
LEPROUS (NOR)
LEPROUS ereilt das undankbare Schicksal der mittleren Band. Das bedeutet: Stress beim Aufbau und Soundcheck. Nur 15 Minuten nehmen sich die Band samt Crew Zeit, um alles auf die Bühne zu bringen. Dass kein ausgefeilter Soundcheck erfolgte, wird sich später noch rächen. Ich bin auf alle Fälle Feuer und Flamme, als die Jungs rund um Einar Solberg die Bühne betreten und mit “Thorn” das Konzert eröffnen. Meine Begeisterung währt nur kurz – und ist mir wahrscheinlich vorbehalten. Der Tontechniker leistet der Band einen Bärendienst und lässt den Klang der Gruppe in einer diffusen Klangwolke verschwinden. Alle Details, die die Musik ausmachen gehen unter. Dazu passt, dass Einar sichtlich Schwierigkeiten hat, die hohen Töne zu treffen und vor allem zu halten. Leider wird der Klang im Verlauf des Konzerts nicht besser. Der auf Platte so tolle Kontrast von “Mb. Indifferentia” und “Waste of Air” geht beispielsweise in einem Brocken Lärm unter. Schwer befremdlich. Vor allem bei Einar bemerkt man, wie er mit dem Herz dabei ist. Es geht sogar so weit, dass er zweimal mit Nasenbluten auf der Bühne steht. Wie passend, dass das Bandplakat im Hintergrund das “O” in LEPROUS mit einem Gesicht mit Nasenbluten ersetzt. Bei “Mb. Indifferentia” scheint er gar zu weinen. Die Band arbeitet sich einen Wolf, doch am Ende ist die Menge alles andere als begeistert. Es herrscht eine Stimmung von “Was war das bitte?!” vor. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Mich soll es nicht stören, es waren extatische knappe 45 Minuten für mich, zumal ich das von mir ersehnte “Forced Entry” auch zu hören bekam.
SETLIST
Thorn
Restless
Passing
Mb. Indifferentia
Waste of Air
Dare You
Forced Entry
AMORPHIS (FIN)
Für den Headliner bin ich nicht ausreichend vorbereitet. Ich bin nur mit den Singles von “The Beginning of Times” vertraut, sowie mit dem “Skyforger”-Album. Das macht insgesamt fünf Tracks, die ich gut kenne – von fünfzehn, die gespielt werden. Auch bei AMORPHIS ist der Tontechniker überzeugend. Der Gesang wird im Verlauf des Konzerts immer weiter nach hinten gemischt, Gitarrensoli sind schwer zu vernehmen und Keyboards mehrheitlich stumm. Damit ist der Tontechniker für mich der Verlierer des Abends. Auch lassen AMOPRHIS bei mir nicht so recht Headliner-Qualitäten aufkommen. Die Versuche, das Publikum einzubinden wirken auf mich etwas gestellt. So wird zum Beispiel eine “Umfrage” gestartet, welcher von zwei Songs gespielt werden soll. Für mich wirkt die Aktion unfreiwillig komisch. Auch später möchte nicht so recht die Chemie entstehen, die ich von anderen Künstlern kenne. Dazu kommt, dass AMORPHIS durch eine wechselhafte Bandgeschichte ein sehr heterogenes Liedaufgebot mitbringen. Die melodische Seite der Band, die sie heute ausmacht schlägt sich extrem mit den Werken alten Stils, die mich an Bands wie Dark Tranquillity Mitte der 90iger Jahre erinnern. Doch: Allen kann eine Band nie gerecht werden. Insgesamt ein lauer Auftritt für mich, mangels persönlicher Verbundenheit.
- Amorphis Live Tomi Joutsen
NACHWEHEN
Nach dem Konzert habe ich die wunderbare Gelegenheit, mich mit Einar Solberg, der gerade im Gang herumsteht eine Weile zu unterhalten. Dabei kann ich ihm Fragen stellen, die mich zur Musik von Leprous beschäftigt haben. Folgendes kann ich herausfinden:
- Auf der Bühne merkten die Jungs nichts davon, dass der Sound schlecht sei.
- Die große musikalische Veränderung von “Tall Poppy Syndrome” zu “Bilateral” hin war keine bewusste Entscheidung. Sie haben einfach aufgenommen, was ihnen für richtig erschien.
- Der seltsame Titel “Mb. Indifferentia” bedeutet “Morbus Indifferentia” und sollte ursprünglich schlicht “Indifference” heißen. Da es aber bereits zahllose Stücke mit dem Titel gibt, entschieden Sie sich für etwas eigenständigeres. Da sie einen Physiotherapeuten in den eigenen Reihen haben, wählten sie eine (erfundene) mediznische Krankheitsbezeichnung
- Der enorme Kontrast zwischen “Mb. Indifferentia” und “Waste of Air” auf dem Album ist gewollt so gesetzt. Das kommt auch daher, dass es sich um zwei Songs handelt, die Einar geschrieben hat. Die Kombination soll vor allem Live Wirkung zeigen.
- “Acquired Taste” erinnert mich vom Titel an das GENTLE GIANT-Album “Acquiring the Taste”. Einar kennt dieses Album und hat die Band viel gehört – Tor (der Gitarrist und Texter der meisten Songs) allerdings kennt sie gar nicht. Von daher handelt es sich nur um eine Koinzidenz.
- Apropos Koinzidenz: Einar hatte noch nie Probleme mit Nasenbluten auf der Bühne. Das ist ihm gestern zum ersten Mal passiert.
Dieses Mini-Interview und die Unterschrift aller Bandmitglieder auf meiner Kopie von “Bilateral” versöhnen mich mit einem sonst unterdurchschnittlichen Konzertabend. Nichtsdestotrotz freue ich mich riesig auf die nächste Gelegenheit, der Musik hautnah mitzufiebern.
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