Ein Thema, über das ich schon lange Zeit schreiben möchte. Eines aus der Kategorie: Wie mir klar wurde, wie absurd ich mich früher verhalten habe.
Heute geht es um Demut. Einer Charaktereigenschaft, die negative Konnotationen besitzt und doch wertvoll und wichtig ist. Wenn das Wort fällt, wird schnell an jemanden gedacht, der sich kleiner macht, als er ist. Doch das bedeutet das Wort gar nicht. Demut beschreibt vielmehr zu erkennen, dass man als Mensch unvollkommen ist. Sich selbst mit all seinen Fehlern zu sehen. Ganz im Gegensatz zum Hochmut, der einen für die eigenen Schwächen blind macht.
Da es auch um Lektionen geht, schreibe ich darüber, wie ich selbst Demut habe lernen müssen.
In den letzten Klassen der Handelsakademie habe ich es immer weiter kultiviert, in der Stunde im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Ich war der Meinung, es sei eine gute Sache, so oft wie nur möglich aufzuzeigen, so oft wie nur möglich eine Antwort und/oder Wortmeldung unterzubringen, so viel wie möglich Interaktion mit dem Lehrer zu schaffen. Meine Paradedisziplin war der Englischunterricht. Ob ich der beste Schüler in diesem Fach war, das ist nicht entschieden. Aber ich war mit Sicherheit der, der am meisten auffiel. Ständig hatte ich meine Hand in der Luft und ich rühmte mich damit, die halbe Einheit für mich zu haben. Meine Mitschüler hatten nichts dagegen – sie waren froh, diese Aufgabe nicht selbst übernehmen zu müssen. Also habe ich mich mit diesem Verhalten sehr im Recht und gut gefühlt.
Dieses Verhalten habe ich mir in der Folge in meine akademische Ausbildung mitgenommen. Dort ist es weniger gut angekommen. Auch dort habe ich damit begonnen, mich aggressiv in den Mittelpunkt der Lehrveranstaltungen zu stellen. Ich erinnere mich noch gut an eine der ersten Übungen im Fach Algorithmen und Datenstrukturen. Ich hatte bereits etwas Erfahrung mit dem Programmieren gesammelt und der Professor legte einen Sachverhalt bewusst umständlich vor, sodass ich der Meinung war, eine “clevere” Wortmeldung zum Besten zu geben, wie dieses Thema einfacher zu lösen wäre. Wenn ich mich recht erinnere, ging es dabei um eine simple Schleife. Ich kassierte als Antwort ein: “Sehr richtig. Und das ist genau der Grund, warum wir das als nächstes thematisieren werden.” Ich hatte mich unnötig in den Vordergrund gespielt, indem ich die vom Vortragenden bewusst vorbereitete Pointe seiner Ausführung zerstört habe. Das war eine der ersten Situationen an der Fachhochschule, in der ich mein Verhalten auch selbst als negativ wahrgenommen habe.
Weitere sollten folgen. Ich erinnere mich an eine lebhafte Diskussion im Rahmen einer Semester-Abschlussfeier. Ein Studienkollege meinte dort, ich würde meine Art zu sprechen bewusst verzerren, um mich von anderen Leuten abzuheben. Ich spräche bewusst in Richtung Hochdeutsch, wo ich doch aus dem Mühlviertel käme und gefälligst so sprechen solle wie die anderen, die auch von dort kommen. Ich nähme mir bewusst Zeit um eine möglichst hochgestochene Ausdrucksform zu verwenden, anstatt einfach zu sagen, was ich mir denke. Ich fühlte mich angegriffen und missverstanden, argumentierte beispielsweise, dass Hochdeutsch als Verständigungsform dem Dialekt überlegen sei und dass ich Fachbegriffe nicht erzwingen würde, sondern sie mir einfach als erstes spontan einfielen, an der naheliegenden Wörter statt.
Ich habe später eingesehen, dass ich mir in der Hinsicht etwas vorgemacht habe und dass ich tatsächlich bewusst hochgestochen gesprochen habe (mit unnatürlich langen Pausen vor vielen Sätzen) um mich von meinen Kollegen abzuheben. Es war ein weiterer im Nachhinein peinlicher Versuch, im Zentrum stehen zu wollen.
Später bin ich damit konfrontiert geworden, dass ich arrogant sei. Wenn es darum ging, wie eine Übung zu lösen war, hinterließ ich bei den anderen den Eindruck, dass ich meine Lösung für die einzig Wahre halte und alles andere Schrott sei. Muss ich erwähnen, dass ich in den Übungsstunden kaum eine Chance ausließ, aufzuzeigen und damit zu zeigen, dass ich die Antwort weiß? Ein Kollege, mit dem gemeinsam ich das Berufspraktikum absolviert habe, ließ mich vor Beginn desselben wissen, dass meine penetrante Art, mein Wissen und Können ins Zentrum zu stellen im beruflichen Umfeld nicht gut ankommen würde.
Wenn ich mir heute mein damaliges Ich ansehe, dann habe ich etwas aus dieser Zeit gelernt. Damals war ich zu verblendet, um zu erkennen, wie viel ich hätte lernen können aus dem, wie mich meine Mitmenschen sehen. Im Nachhinein fügen sich die Puzzleteile zu einem logischen Ganzen zusammen: Ich hatte in all der Zeit Angst. Angst davor, unterzugehen. Angst davor, nicht wahrgenommen zu werden. Angst davor, vielleicht nichts Besonderes zu sein. Angst davor, nichts zu können. Dieser Angst bin ich begegnet, indem ich laut und auffällig war. Was es für viele noch offensichtlicher gemacht hat, dass ich etwas zu kaschieren habe.
Ich hatte immer Respekt vor Leuten, die über große Fähigkeiten verfügen, damit aber nicht hausieren gehen. Heute verstehe ich dass jemand, der wirklich etwas kann, niemanden etwas beweisen muss. Seine Taten sprechen für ihn, da braucht es keine Gesten und Worte, wie ich sie in den letzten Jahren inflationär verwendet habe.



Eines der ersten ‘Sehenswürdigkeiten’, die ich den meisten Menschen zeige, wenn sie meine aktuelle Heimatstadt und mich zum ersten Mal besuchen, ist ein großes ‘Demut’-Graffito an prominenter, aber schwierig erreichbarer Stelle gegenüber der wohl wichtigsten Promenade der Stadt.
Durch deinen Beitrag wurde mir soeben erst wieder richtig klar, warum ich das überhaupt – oft eher un(ter)bewusst – mache.
Deinen letzten Absatz finde ich etwas irreführend. Kein Mensch, unabhängig von seinem Können, muss irgendjemandem irgendetwas beweisen.
Mir hast du dieses Graffito noch nicht gezeigt, muss ich sagen
Theoretisch ist das auch so. Doch ich kenne keinen Menschen, der nicht zu irgend einem Moment in seinem Leben trotzdem das Bedürfnis empfunden hätte, mit seinem Handeln jemandem etwas beweisen zu wollen. In dieses Muster rutscht der Mensch scheinbar immer wieder hinein. Denn wir haben alle das Grundbedürfnis der Anerkennung.