
In diesen Tagen ist es en vogue geworden, in Ernährungsfragen das Gute der Alten Zeiten hervorzukehren. Den Zeiten, in denen die Großmütter noch mit schwieligen Händen und voll der Liebe aus selbst im Garten gezogenen Gemüse, der Milch der besten Kuh im eigenen Stall und dem Getreide, über deren Ähren sie selbst beim Spaziergang gestrichen hat die rustikalen Köstlichkeiten zaubert, die es heute so einfach nicht mehr gibt. Die heutige Zeit hätte diese Dinge einfach zerstört und sei ernährungstechnisch eine Wüste, gefangen im Mahlstrom von Zusatzstoffen und Fast Food.
Und ja, auch mich spricht diese Vorstellung an. Dieses Erdige, Naturverbundene, was da mitschwingt. Es hat etwas oberflächlich Romantisches, sich Ernährung aus dieser Perspektive anzusehen. Doch wenn man etwas tiefer steigt, dann verpufft diese Romantik hinter knallharter Realität. Die sah in dieser alten Zeit nämlich so aus, dass es ein Knochenjob war, täglich etwas Essbaren auf den Tisch zu bringen. Wer könnte es besser wissen, als jene, die live dabei waren? Meine Oma zum Beispiel. Da war die Ernährung zwar noch ursprünglich, aber auch ziemlich plump und unspektakulär. In erster Linie ging es dabei darum, genug zum Essen zu bekommen. Und das war nicht garantiert. Die Kinder (und davon gab es viele!) stritten sich da – über die gemeinsame Schüssel gebeugt – wer denn nun am meisten bekomme. In der Regel der, der am schnellsten aß. Szenen, die heute kaum vorzustellen sind. Heute, in einer Zeit, in der die Diskussion schon längst von “Wie kann ich meine Familie satt bekommen?” zu “Wie kann ich verhindern, dass meine Familie übergewichtig wird?” gewechselt ist.
Damit auch mein zweites Zugeständnis: Ja, es ist in den letzten zwei Generationen etwas verloren gegangen. Wir haben den Bezug zu unseren Lebensmitteln stark verloren und wissen kaum noch, wo das Stück Gemüse oder Fleisch herkommt, das wir heute auf dem Teller liegen haben. Das öffnet der Lebensmittelindustrie Tür und Tor, Schindluder mit allen Stationen der Produktionskette zu treiben. Wer kratzt sich nicht grübelnd am Kopf, wenn er von in den Niederlanden gemästeten Schweinen hört, die zur Schlachtung nach Rumänien gefahren werden, um dann in Tirol endverarbeitet und als “Tiroler Speck” in den Handel gebracht zu werden. Das sind Prozesse, die nur entstehen können, wenn der Konsument sein Produkt nicht mehr kennt. Früher hat man beim Bauern Huber sein zukünftiges Stück Speck noch vorher auf der Wiese beobachten dürfen, ehe es verspeist wurde.
Das ändert aber nichts daran, dass wir als Gesellschaft immens davon profitiert haben, dass die Lebensmittelproduktion so stark von unserem Leben entkoppelt wurde. Diese Entwicklung hat es uns möglich gemacht, uns nicht mehr mit dem sprichwörtlichen Täglich Brot auseinandersetzen zu müssen und es trotzdem zur Verfügung zu haben. Das öffnet den Menschen die Möglichkeit, sich der Verwirklichung seiner Anlagen zu widmen und legt den Grundstock für die Entwicklung der Künste und Kultur. In meinen Augen ist das der immense Vorteil, den wir gegenüber Ländern haben, in denen noch immer jeden Tag Stunden für das Überleben gearbeitet werden muss. Diese Menschen haben keine Zeit und keine Chance, sich mit Dingen zu beschäftigen, die über das Leben hinaus Bedeutung und Bestand haben. Für sie ist das Leben vom ersten Schrei bis zum letzten Seufzen mehr ein Straucheln um die schiere Existenz. Eine solche Situation lähmt ein Land kulturell in größtem Maße.
Noch weiter zurückgehend kann beobachtet werden, wie uns die Möglichkeit, ohne großen zeitlichen Aufwand die Ernährung zu gewährleisten vom Tier abhebt und uns die Chance gab, uns stetig weiter zu entwickeln. Während schon früh durch das Feuer (und damit das Kochen) in wenig Zeit die Nährstoffbedürfnisse der Urzeit-Menschen gedeckt werden konnte, ist es bis heute so, dass die kleinen wie großen Primaten – die unsere nächsten Verwandten sind – sich jeden Tag viele Stunden allein mit der Suche, Aufnahme und Verdauung von Ernährung (meist Pflanzenmaterial mit wenig Nährstoffdichte) verbringt. Da ist wenig Zeit, um sich viele Gedanken zu machen. Für mich ein Plädoyer gegen eine rohköstliche Ernährung – aber auch gegen die rückwärts gewandte Paleo-Bewegung.All diese Gedanken kommen mir heute, als ich durch zwei Supermärkte in meiner Heimatstadt Freistadt streife. Wenig tue ich lieber, als am Samstag Lebensmittel einzukaufen, auch wenn ich dabei schon mal meinen Stress habe. Ich nehme mir bewusst Zeit und sehe mir das Sortiment an. Und ich kann mich – die Produkte prüfend – nicht dem Gefühl erwehren, dankbar dafür zu sein, in welch privilegierter Situation wir uns in Österreich befinden, was das Thema angeht. Denn nachdem die industrielle Landwirtschaft die Entkoppelung der Tätigkeit von der Nahrungsmittelbeschaffung bereits vor Jahrzehnten geschafft hat, haben Konsumenteninteressen in den letzten Jahren das Sortiment nachhaltig verändert. Die Stilblüten, die die Industrie getrieben hat werden immer weiter eingedämmt, wie es mir scheint. Zunehmend treffe ich auf Waren mit guter Herkunftskennzeichnung, die mir als Konsument die Chance geben zu verstehen, wie das Produkt entstand. Immer mehr finde ich Halbfertigwaren, deren Inhaltsstoffe sich auf die Grundzutaten beschränken – die Lebensmittelchemie befindet sich auf nachdrücklichen Kundenwunsch auf dem Rückzug – wie immer das erreicht wurde. Subjektiv scheint mir die Qualität der Produkte wieder deutlich besser zu werden. Und damit befinden wir uns auf einem guten Weg, einen Platz auf der Rasierklinge zwischen Ernährungsindustrie und Traditionalität zu erarbeiten: Indem wir uns davon freimachen, jeden Tag Stunden in die Ernährung investieren zu müssen – und dabei trotzdem nicht auf Herkunft und Qualität verzichten zu müssen.



Ich finde du vergisst/übersiehst/vermischt ein paar Dinge, was bei einem derart komplexen Thema leicht möglich ist.
Nicht alle waren Bauern. Es gab seit Beginn der Zivilisation schon Leute die sich nicht um die Beschaffung der Nahrung kümmern mussten.
Es gibt überall auf der Welt immer noch und immer schon Leute die sich Gedanken machen müssen wie sie Essen auf den Tisch bekommen. Die Frage ist heute bei einem geringeren Prozentsatz als früher: Reicht meine Ernte für den Winter? Und bei dem Großteil der Bevölkerung: Kann ich genug Geld beschaffen um meine Nahrung zu bezahlen? Anstatt damit beschäftigt zu sein hart für das Essen am Feld zu arbeiten ist nun ein weitaus größerer Teil der Bevölkerung Lohnsklave. Die harte Arbeit findet woanders statt. Die Entfremdung vom Lebensmittel ist da, aber sie hat nicht zwangsläufig den Nutzen den du ihr unterstellst.
Die Industrialisierung hatte Einfluss auf alle Berufsfelder.
Ich finde auch den Vergleich mit Entwicklungsländern in denen keine Zeit für etwas anderes als ums Überleben zu kämpfen bleibt nicht ganz gelungen, weil er ignoriert, dass es zu unserem System sehr wohl noch reichlich Alternativen gäbe.