
Drei Wochen sind es jetzt schon. So lange habe ich Schmerzen im linken Schienbein. Von null auf 4 mal die Woche Laufen gehen durchstarten im August war eine schlechte Idee. Es ging lange gut – doch auf einmal war der Schmerz da. Trainingsstop – doch der Schmerz bleibt. Deshalb ging es heute zum Arzt.
Vorweg: Ich mag meine Hausarzt-Praxis.
Im Warteraum hatte ich einige Stunden Zeit, den Leuten zuzuhören. In Erinnerung geblieben ist mir ein Paar. Die beiden haben optisch die 50 noch nicht gekratzt. Sie eher tonnenförmig, er auch nicht in bester Form. Doch die Optik ist nur ein Detail am Rande. Erinnern tue ich mich an die Art und Weise, wie sie über sich selbst gesprochen haben: Die Frau war nicht müde zu betonen, dass ihr das Aufstehen nun schon schwer falle und dass es ja generell bergab ginge. Den Mann nannte sie sportlich, denn er könne ja noch ohne Beschwerden aufstehen. Es tat richtig weh, dieser verbalen Selbstzerstörung zu lauschen. Diesen Menschen war nicht bewusst, wie wirklichkeitsbildend Sprache ist. Die Art, wie sie über sich sprachen spiegelte wieder, wie sie sich selbst sehen: Als alte Wracks, die auf die Zersetzung warten. Mildere Variationen desselben Themas konnte ich bei anderen Patienten ebenfalls bemerken.
Als ich mit meiner Freundin zu Hause darüber sprach, ergänzte sie einen weiteren Aspekt. Sie sprach über Leute, die im Alter damit aufhören, sich zu pflegen und so gut wie möglich auszusehen. Und darüber, wie dies gleichzeitig bedeutet, dass es mit ihrem Leben ganzheitlich rasant bergab geht. Gut mit und über sich selbst zu sprechen, sich pflegen, gut aussehen zu wollen – das sind alles Zeichen von Selbstrespekt. Ich bin davon überzeugt, dass in Würde altern stark damit zu tun hat.
Während der nachfolgenden Untersuchung wunderte ich mich weiter über die vielfältigen Methoden der Therapie, die mir gleich vorweg angeboten wurden: So wurde mir angeboten, das Bein röntgen zu lassen (verständlich), eine Untersuchung der Muskulatur mit Strom-Ultraschall (weniger sinnhaft) und gar eine Blutabnahme, um auf Thrombose zu prüfen. Etwas viel Intervention dafür, dass mein Fuß beim Abrollen schmerzt. Ein wenig zwischen den Zeilen wurde erwähnt, dass es eine gute Öl-Lösung zum Einreiben gäbe. Für eine medizinische Intervention dieser Größenordnung war ich eigentlich gekommen. Etwas ironisch, dass dies die einzige Option ist, für die ich finanziell selbst aufkommen muss (obwohl sie die günstigste ist).
Da ich mir das Öl gleich im Anschluss kaufte, konnte ich in der Apotheke erneut interessante Szenen erleben. So war zum Beispiel eine alte Frau vor mir am Tresen, die nach einem Tee zum Abnehmen fragte. Die Apothekerin konnte nur einen Tee zur Unterstützung der Blutzuckerstabilisierung anbieten. “Ich habe aber gehört, grüner Tee soll gut sein.” kam es von der alten Frau zurück. Davon riet die Apothekerin ab – zu stimulierend. Sie setzt anschließend an, Ernährungsempfehlungen abzusetzen, die die alte Frau offensichtlich überforderten. Kohlenhydrate, Fette, et cetera. Etwas weh im Herz tat es mir, dass die Frau meinte, sie würde nun die Butter absetzen. Ich kann dabei nur mit Erschaudern an den Light-Käse bei der Großmutter meiner Freundin denken, den diese im guten Denken kauft, sich damit das Zunehmen zu ersparen. Warum so kompliziert? Gemäß des Themas, über das ich gerade lese – mentales Training – gilt es in solchen Situationen eine Landkarte bereit zu haben, möglichst einfach umsetzbare Ratschläge anbieten zu können. Ich habe mir im Verlauf des Tages eine solche gebastelt:
- Anzahl der Mahlzeiten pro Tag reduzieren. 3 oder noch besser 2 mal pro Tag (dann ohne Frühstück oder Abendessen) essen – und nur zu diesen Zeiten. Essen bis zur Sättigung. Zeit zum Essen nehmen!
- Das Essen öfter kauen. Mahlzeiten, die nicht gekaut werden müssen so weit es geht durch solche, die gekaut werden müssen ersetzen. Öfter kauen heißt länger essen. Das bedeutet psychologisch wiederum, dass das Essen als mehr empfunden wird. Essen, das gut gekaut werden muss, sättigt überdies länger.
- Jeden Tag 30 Minuten flott spazieren gehen. Nicht laufen. Flott gehen. Verbraucht Kalorien, belastet die Strukturen kaum, vitalisiert den Körper.
Ich bin überzeugt, dass diese drei Punkte – konsequent umgesetzt – auch ohne die Erwähnung von Worten wie Kohlenhydrat zu sehr wirksamen und sichtbaren Ergebnissen führen werden.
Fast nur eine Randnotiz sind mir die Großpackungen Alltagsmedikamente wert, die ganz zwanglos über die Theke wandern. Ich habe es schon oft bei jüngeren wie älteren Mitmenschen erlebt, dass für mein Gefühl enorm viel Medikamente konsumiert werden. Hauptsache, die Symptome verschwinden schnell wieder. Krankheit aussitzen? Das sehe ich nur mehr selten, ist für mein Empfinden aber der einzig sinnvolle Umgang mit Krankheiten wie Erkältung oder grippaler Infekt. Diese bedeuten für mich weniger essen (erspart dem Körper Verdauungsstress – außerdem habe ich gewöhnlich ohnehin weniger Hunger), etwas mehr trinken (bevorzugt wärmende Getränke – Ingwerwasser ist ein im wahrsten Sinne des Wortes heißer Tipp), mich körperlich nicht überanstrengen aber trotzdem in Bewegung bleiben und täglich Frischluft und Sonne tanken, so viel ich kann. Medikamente nehme ich erst dann, wenn ich nicht gut ein- und durchschlafen kann – um die heilsame Wirkung des Schlafs nicht zu verlieren. So habe ich heute auch eine Großpackung Mexa-Vit.C gekauft – im guten Wissen, dass sie für lange Zeit reichen wird.
Alles in allem waren diese Erfahrungen ein Bewusstwerden, dass ich in meinem gesundheitlichen Selbstverständnis oft in einem Kokon lebe.