Nuggets

Gold Panning for Nuggets

Auch ein Haufen Dreck kann einige Spuren pures Gold enthalten.


Eine Empfehlung, die meinen Bezug zu Büchern (insbesondere Sachbüchern) verändert hat, ist die folgende von US-Persönlichkeitsentwicklungs-Experte Larry Winget:

Versuche, aus jedem Buch, das du liest, zumindest ein “Nugget” herauszuziehen. Mehr muss es nicht sein – nur einen Impuls, eine gute Idee, die du mitnehmen kannst. Bereits dann war das Buch den Kauf wert – denn eine gute Idee kann dein Leben verändern.

Früher habe ich Sachbücher mit der Haltung gelesen, dass sie insgesamt gute Bücher sein müssten, damit sich das Lesen des Buches lohnt. Das hat sich mittlerweile geändert. Nun bin ich beim Lesen unterbewusst immer auf der Suche nach einem Impuls oder einer guten Idee, die das Buch für mich bereit halten könnte. Und oft genug geht mir ganz spontan eine Glühbirne auf, wenn ich über eine Zeile stolpere, die meine bisherige Weltanschauung herausfordert. So etwas bleibt hängen. Und mein Verhalten wird danach nicht mehr dasselbe sein.

Eine weitere Sache, die meine Beziehung zu Büchern gelockert hat sind Bibliotheken. Lange nicht besucht, haben sie sich in den letzten Wochen zu echt zu Lieblingsorten meinerseits gemausert. Dort finde ich zwar nicht genau, was ich suche – doch weiß ich im Vorhinein immer, was ich überhaupt will? So kann ich durch ein buntes Angebot stöbern und mit minimalstem finanziellem Risiko ein breites Spektrum an Büchern lesen – und “Nuggets” sammeln. Ein weiterer Vorteil von Bibliotheken ist, dass die Bücher nicht in den persönlichen Besitz übergehen. Ich lese die wenigsten Bücher binnen kurzer Zeit ein zweites Mal – die meiste Zeit liegen die meisten Bücher unbenutzt in meiner Wohnung herum. Ich genieße es ungemein, Bücher lesen zu können, ohne danach Platz im Regal für sie suchen zu müssen. So gehe ich den Schritt von Besitzen zu Nutzen, sodass mehr Leute vom Buch etwas haben können. Gleichzeitig bezahle ich auch den Erwerb weiterer Bücher für die Bibliothek.

Interessant ist auch, dass gewisse “Nuggets” sich erst beim zweiten oder dritten Lesedurchgang offenbart haben. Wie es mit Prosa ist, weiß ich nicht. Doch Sachbücher lese ich – ein gewisses Zeitfenster zwischen den Lesedurchgängen vorausgesetzt – ein jedes Mal mit einer neuen Perspektive und lerne auf einmal Dinge, die sich mir davor verborgen haben. Grund genug, ein meiner Meinung nach gutes Sachbuch immer wieder einmal zur Hand zu nehmen (oder es erneut in der Bibliothek zu entlehnen). Es könnte schließlich die Art und Weise verändern, wie ich die Welt betrachte.

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Geplante Obsoleszenz


Manche Filme wecken Emotionen. Dieser hier – gefunden in einem Kommentar eines Beitrags von Hadmut Danisch – führte bei mir zu einem Gefühl der Empörung, gepaart mit dem drückenden Gedanken, dass es ohne doch nicht geht – ohne geplante Obsoleszenz. Was das ist und wofür es steht – darüber soll der Film aufklären.

Ich hatte im Anschluss zum Film viele Ideen, wie die Dinge besser bzw. anders gemacht werden könnten, doch in Wahrheit fehlt mir das Wissen, um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Ich verstehe den Film mittlerweile als Impulsgeber, die eigene Einstellung zum Besitz wieder einmal infrage zu stellen. Brauche ich xyz wirklich, muss ich Artikel A durch Artikel B ersetzen oder tut er seinen Dienst noch? Wie ist die Frage der Amortisierung einer Investition ganzheitlich zu sehen – über den Geldwert hinaus gedacht? Für diese Frage hat mir mein Stammleser Thomas Hirmer in einem Kommentar einen schönen Gedanken mitgegeben:

Bei Kleinigkeiten großzügig sein und bei großen Dingen etwas mehr “kleinlich”.

Welche Gedanken löst die Dokumentation bei euch aus? Eine Frage, die sich meine Freundin auch schon gestellt hat.

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Verwicklungen

Don't worry, I'm from the internet
Für mich hat es etwas Seltsames, wenn ich von Angesicht zu Angesicht auf Inhalte angesprochen werde, die ich im Internet zu besten gebe. So wurde ich von meiner fleißigen Kommentatorin Sandra schon öfter in ein Gespräch über meine Artikel verwickelt und am Montag von meinem Aikido-Lehrer auf die Schilderung meiner Erfahrungen angesprochen.

Oft erlebe ich mich gespalten – mein Alter Ego, der sich im Internet preis gibt ist isoliert von dem Ich, das ich im Alltag stehe. Damit bin ich nicht alleine. Ich habe ähnliche Reaktionen bereits bei anderen Menschen beobachten dürfen, die ich auf Inhalte angesprochen habe, die sie (meist via Facebook) mit dem Internet geteilt haben.

Meine ersten engeren Kontakte mit dem Internet habe ich in meiner Jugendzeit gesammelt – eine für mich schwierige Episode meines Lebens. Im Internet hatte ich rasch den Eindruck, die Leute seien tiefer, nicht so oberflächlich wie das, was ich von Tag zu Tag erlebe. Viel schneller wurde über Sehnsüchte, Gefühle und Schmerzen geschrieben. Eine Form der Kommunikation, die ich von Angesicht zu Angesicht nie erlebt habe. Ich bin dem Trugschluss erlegen, dass das mit den Leuten im Internet, nicht mit dem Medium, über das wir uns mitteilen zu tun hat. Das wäre mir nicht passiert, hätte ich meine Internet-Bekanntschaften tagtäglich real erlebt. Ich hatte viele Bekanntschaften aus Deutschland gewonnen, so dauerte es lange, bis wir uns auch in Fleisch und Blut gegenüber standen. Rasch musste ich feststellen, dass die Gespräche von Angesicht zu Angesicht auch mit diesen Menschen sich auf den scheinbar seichten Smalltalk beschränkten. Aber – und das ist ein großes Aber – wir hatten bereits die Chance, tiefere Gedanken miteinander auszutauschen. Das hat den Gesprächen ein anderes Fundament gegeben.

Kommunikation via Internet hat eine große Stärke: Sie senkt die Hemmschwelle enorm, Inhalte zu teilen, die aus verschiedenen Gründen sonst nicht angeschnitten werden würden. Meist sind die Gründe eine Variation der Themen “Die Situation hat nicht gepasst.” und “Ich hatte Angst davor, dass mein Gegenüber das blöd finden wird.” Im Internet – speziell auf Facebook – gibt es oft Kontext-Freiheit, sodass der Inhalt nicht nicht passen kann. Außerdem gibt es nur indirektes Feedback – und selbst das um einige Sinneseindruck-Dimensionen ärmer als in der Realität. Das nimmt die Angst vor Bewertung, die im Internet ohnedies nur seltenst eintritt. Nicht zuletzt ist es in vielen Internet-Medien abseits von sozialen Netzwerken so, dass der Einzelne unter der Maske eines Avatars agiert. Das führt dazu, dass Kritik nicht zwingend persönlich genommen wird, wenn sie auf die Internet-Identität zielt.

Die so geteilten Inhalte bieten sich als Knotenpunkte an, um mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich habe bereits wiederholt Leute auf ihre Internet-Inhalten angesprochen. Dadurch hatten wir sofort eine gemeinsame Gesprächsgrundlage und konnten das Gespräch schnell intensivieren. Dennoch bleibt dieser Weg eine Krücke, ein gutes Gespräch auch ohne Vorinformation beginnen zu können.

Die stark verschiedenen Hemmschwellen erklären für mich, warum ich und andere Menschen perplex sind, wenn sie dann genau mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass ich noch Arbeit vor mir habe. Arbeit daran, authentisch mit dem, was mich bewegt auch von Angesicht zu Angesicht umgehen zu können. Arbeit daran, keine Medien wie Foren oder soziale Netzwerke zu benötigen, um meiner Innenwelt Ausdruck zu verschaffen. Eine jede Verwicklung meiner Internet-Aktivitäten mit der Welt außerhalb des Netz hilft mir dabei.

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So ein Topfen – Follow-up

Als hätten sie bei xkcd meine Gedanken gelesen:

XKCD: Working

Taken from: xkcd.com


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So ein Topfen

Schärdinger Koch&Back Topfen

So ein Topfen kann echt Kopfzerbrechen bereiten


Manchmal werden Alltagsentscheidungen ordentlich schwer. Beim Kauf eines Packerls Topfen ist mir eine ganze Klasse von Problemen bewusst geworden. So ertappe ich mich regelmäßig dabei, minutenlang vor dem Regal zu stehen und hin und her zu überlegen, welches Produkt ich jetzt kaufen kann oder nicht. Besser gesagt: Welches Produkt ich jetzt hier kaufen kann oder nicht. In meinem Kopf spuken Zahlen herum: Hier kostet ein Packerl Topfen 10 Euro-Cent weniger als dort. Wenn ich aber extra für den Topfen zum günstigeren Laden fahren muss, kostet das auch wieder Sprit. Wie viel? Und komme ich vielleicht durch eine andere Aufgabe dort heute noch vorbei? Wie viele Packerl muss ich kaufen, damit sich das auszahlt? Wie viel Extra-Zeit nimmt das in Anspruch? Der Topfen hier ist aus Heumilch, der andere nicht. Wie darf ich das bewerten? Wie viel Geld ist dieses Attribut wert?

Analyse-Paralyse

Puh! Die volle Ladung Analyse-Paralyse

Es fällt mir schwer, eine Entscheidung zu treffen. Mein Verstand verlangt nach Gewinnmaximierung. Eine Maximierung erreicht er dabei gut und gerne auch: Nämlich eine Stressmaximierung. Meine Lebensqualität dagegen fühle ich ordentlich minimiert. Denn ob ich mich nun für dieses Geschäft oder für das nächste entscheide: Die Unsicherheitsfaktoren, die immer mitschwingen, vermiesen mir das Zufriedenheitsgefühl, das mit dem Kauf eintreten sollte.

Im Grund kann ich es nur falsch machen, denn um es richtig zu machen, müsste ich schon im Vorhinein wissen, was am Ende die beste Entscheidung ist. Das Wissen habe ich nicht und kann es nicht haben. Ein wenig überlegen beim Einkaufen ist sinnvoll und empfehlenswert, aber wenn ich länger als ein paar Sekunden bei Lebensmitteln überlegen muss, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein weiteres Überlegen meine Entscheidung nicht mehr besser machen wird. Bei Digitalkameras wird die Entscheidung nach ein paar Stunden Intensiv-Recherche im Übrigen auch nicht mehr spürbar besser.

Dann entscheidet doch lieber der Bauch. Und nimmt den verdammten Topfen einfach. Denn ein paar Euro-Cent sind es echt nicht wert, sich den Tag vermiesen zu lassen und schon gar nicht existenziell bedrohlich.

Für mich ein echt triftiger Grund, warum mich ein Leben mit minimalen Mitteln (lese auch cbx’s Experiment zum Thema Hartz4 und die Kopie von derStandard.at) brechen würde. Auf einmal würden solche Entscheidungen finanziell notwendig werden. Und dann wär’s für einen wie mich aus mit dem Seelenfrieden.

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Occam’s Razor

Occam's Razor

Occam’s Razor ist ein Prinzip das besagt (Quelle: Wikipedia):

  • Von mehreren Theorien, die die gleichen Sachverhalte erklären, ist die einfachste allen anderen vorzuziehen.
  • Eine Theorie ist im Aufbau der inneren Zusammenhänge möglichst einfach zu gestalten.

Umgelegt auf das Schreiben meines Blogs bedeutet das für mich

  • Von mehreren Ansätzen, ein Thema zu beschreiben ist die einfachste und kürzeste allen anderen vorzuziehen
  • Die Sprache dieser Beschreibung ist möglichst einfach zu wählen

Zu diesem Gedankengang motiviert wurde ich – unter anderem – durch den letztens hier erwähnten Film Pina. Ihre Schüler sprechen in dieser Hommage an Pina Bausch darüber, wie sie gewesen ist. Viele von ihnen erwähnen, dass Pina oft lange still zugesehen hat – und ihre Beobachtungen dann mit einem kurzen Satz auf den Punkt gebracht hat. Mich hat beeindruckt, wie viel mehr Effekt wenige Worte – gezielt eingesetzt – im Vergleich zu vielen Worten haben.

Eine frühere Freundin von mir hat einmal gemeint, ich habe ein Talent für das Bilden von leeren Worthülsen – wo aus schöner Sprache eine Hülle um die fehlende Aussage gebildet wird. Das hat mich nicht gefreut – doch sie hatte recht und würde auch heute noch recht behalten. Menschen sind Gewohnheitstiere – meistens behalten wir uns unsere Verhaltensweisen bis es ein Schlüsselerlebnis gibt, das uns zum Ändern unseres Verhaltens veranlasst. Manchmal tritt dieses Schlüsselerlebnis nie ein.

Letztens habe ich – das Internet macht es möglich – alte Foren-Beiträge aus meiner Feder gelesen. Ich habe mich erschrocken. Welch ein Plappern ohne Punkt. Ich schreibe, rede und denke vor allem lieber als zu handeln. Dieses Verhalten tut mir nicht gut – es kann niemandem gut tun. Menschen, die viel reden und dem keine Taten folgen lassen sind für gewöhnlich chronisch unglücklich. Erfüllung finden sie nur, wenn sie sich disziplinieren und den Worten Taten folgen lassen. Dann findet Transformation statt. Neale Donald Walsch trifft es mit folgendem Zitat auf den Punkt:

Life begins at the end of your comfort zone.

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Crashkurs Entrümpeln


Wie angekündigt gibt es an dieser Stelle einen Crashkurs für alle motivierten Entrümpler da draußen. Doch zuvor unsere neuen Erfahrungen mit dem Thema bisher:

  • Wenn beim Entrümpeln Dinge anfallen, die nicht weggeworfen sondern verkauft werden wollen, dann tut ihr das besser schnell! Bei uns liegen die Bücher mittlerweile eine ganze Weile herum und die Sache beginnt zäh zu werden, weil der Funke des Beginns fehlt
  • Wenn beim Entrümpeln bei anderen Leuten etwas anfällt, das interessant aussieht, dann denkt gut nach, ob ihr es auch wirklich verwenden werdet oder ob es nur herum steht. Ich habe Ordnerweise altes Materiel über Photographie mitgenommen, weil es interessant ausgesehen hat. Im Endeffekt ist es zwei Wochen lang herum gelegen, weil ich nie die Zeit hatte, es mir durchzusehen. Selbst wenn hätte ich dafür keinen Platz gehabt. Wichtig: Das wusste ich schon vorher. Nur habe ich nicht darüber nachgedacht.
  • Ist es eine veränderte Wahrnehmung? In letzter Zeit wird das Thema wiederholt in unserer Gegenwart angesprochen. Als hätten wir da etwas los getreten :)

Entrümpeln – Aber wie?

Vorab: Das Entrümpeln wird euch überwältigen. Das lässt sich (beinahe) nicht vermeiden. Keiner rechnet damit, dass auf einmal so viele unerwartete Gegenstände auftauchen. Wo haben die sich die ganze Zeit versteckt? Nun sind sie auf einmal da und wollen behandelt werden. Da kommen Erinnerungen hoch – und Emotionen. Und ehe ihr euch verseht wollt ihr am liebsten alles wieder in ein dunkles Loch stopfen. Sich mit seinen Sachen zu beschäftigen ist anstrengend und geht an die Substanz. Ein langer, harter Blick in den metaphorischen Spiegel.

Deshalb ganz wichtig: Schritt um Schritt. Ein Raum ist für’s Erste mehr als genug Arbeit. Nehmt euch am besten den Raum vor, der eurem Alltag am nächsten ist. Bei uns war es die Küche, obwohl das Wohnzimmer auch lautstark nach einer Entschlackungskur gejammert hat. Wenn ihr als Paar gemeinsam in einer Wohnung lebt, dann Entrümpelt auch gemeinsam. Sonst führt das unvermeidlich zu Krach. In praktisch jedem Raum hat jemand etwas, das seine Privatsphäre berührt. Wenn ihr euch daran solo vergreift kann das verletzend sein.

Raum für Raum

Seht euch die Gegenstände in diesem Raum an. Was für ein Gefühl geben sie euch? Wenn ihr etwas seht, dass euch intuitiv ein schlechtes Gefühl gibt, ist das ein K.O.-Kriterium für dieses Ding – ganz egal, ob das die Stricksocken von Tante Erna sind oder der angestaubte Pokal des Gymnasial-Fußballturniers. Würde es allen anderen Menschen auch solche Gefühle bereiten? Ja? Ab auf den Müll. Es ist Gift, ein Energievampir. Nein? Gebt es jemandem, der es brauchen kann oder füttert eBay / einen Flohmarkt damit. Kein Käufer? Ab auf den Müll.

Nun sind die offensichtlichen Problemdinger aus dem Weg. Was ist mit dem Rest? Seht euch um. Habt ihr das die letzten drei Monate mal in der Hand gehabt? Nein? Dann braucht es mehr Platz als es nutzt. Ausnahmen: Gegenstände, die saisonell benötigt werden: Weihnachtsschmuck oder die Baumschere für den jährlichen Schnitt. Viele Sachen, die nur einmal im Jahr genutzt werden? Mieten statt besitzen. Es kostet weniger und nimmt den Rest des Jahres keinen Platz in Anspruch.

Wie? Ihr wollt das nicht weg geben? In Ordnung. Dinge, die ihren Platz möglicherweise noch verdienen werden zur Seite gegeben. Doch Vorsicht: Das Entrümpeln führt rasch zu einem Hügel von Vielleicht-Gegenständen. Seid streng mit euch. Sperrt die Vielleichts drei Monate weg. War etwas wichtig, habt ihr in der Zeit ohnehin danach gesucht. War es nicht wichtig, hat es seine Zeit in der Kiste abgesessen: Weiterschenken, verkaufen oder entsorgen.

So ausgesiebt bleiben lediglich Gegenstände übrig, die zwei Kriterien erfüllen:

  1. Sie geben euch ein gutes Gefühl
  2. Ihr benutzt sie regelmäßig

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Ein jeder hat einen Plan…

… bis er eine aufs Maul bekommt. Oder im Original:

“Everyone has a plan ’till they get punched in the mouth.” – Mike Tyson

Mike Tyson

Mike Tyson weiß etwas davon, eine verpasst zu bekommen - und dann weiter zu machen.


Ich weiß es nicht besser, ehe ich es am eigenen Leib erfahre. Tatort: Turnhalle der Hauptschule Freistadt. Tatzeit: Etwa 21:00. Tatbestand: Aikido-Training. Mein Trainer Philipp schlägt vor, dass wir heute Jiuwaza (freie Technik) üben. Das bedeutet: Ich kann zwar durch meine Haltung andeuten, welche Art des Angriff ich ungefähr erwarte, doch im Endeffekt weiß ich nicht, was kommt und welche Technik ich auf diesen Eingang machen werde.

Ich hasse solche Situationen. Mein Gehirn verweigert jede Tätigkeit, ich stehe wie angewurzelt da, kassiere einige Angriffe. Ich versuche umständlich einige Techniken, doch es will nicht funktionieren. Ich weiß nicht, womit ich rechnen kann, das macht mir Stress. Mehr Stress, als ich aushalte. Ich kämpfe immer wieder damit, entweder aus Wut irgendwas (d.h. mich) zu schlagen, davonzulaufen oder einfach zu heulen. Weiter geht’s. Ein neuer Versuch. Ich biete eindeutig an, stelle mich mental auf eine Technik ein, hole mir ein wenig Ruhe zurück. Zack. Anderer Angriff, komplette Paralyse. Wieder nichts geworden. So geht das minutenlang dahin – permanenter Ausnahmezustand. Richtig wäre, einfach weiter zu machen, auch wenn die Technik nicht gelingt – doch genau das fällt mir gestern unsäglich schwer.

Manchmal denke ich mir, ich habe innere Ruhe. Solche Situationen wie gestern zeigen mir, dass das bestenfalls ein dünner Film ist, über das brodelnde Chaos meiner Hilflosigkeit gespannt. Kein Wunder. Ich vermeide es auch gekonnt, in solche Situationen zu gelangen. Unser Verbandsvorsitzender Georg hat in einem der vielen spannenden Gespräche mit ihm gemeint, ein Krieger ist einer, der in einer solchen Situation das Programm, das 95% von uns haben (Flucht oder Paralyse) überschreiben kann und sich der Situation stellt.

Um das zu können, muss einer erst einmal aber einige Schläge ins Gesicht verpasst bekommen – um zu lernen, um mit der Situation umgehen zu können.

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Night of the Prog Festival VI (8.-9.7.2011) – Eine Rückschau

Eines hatten wir auf jeden Fall gemein: Als mein Freund Simon das Billing des diesjährigen Night of the Prog-Festivals zum ersten Mal gesehen hat, waren seine Augen genauso groß wie die meinen. Als bekennender Freund der Musik aus dem Progressive-Rock/Metal-Dunstkreis waren da mehr als nur ein paar Leckerbissen zu finden.

Night of the Prog VI Official Poster

Die Frage, ob wir dorthin fahren stellte sich nicht mehr. Und so kommt es, dass wir letztes Wochenende die 700 Kilometer lange Reise ins ferne Rheintal angetreten sind. Meine bisherige Festivalerfahrung des Jahres 2011 war mit einem ungemein verregneten und musikalisch für mich wenig interessanten Metalfest 2011 dürftig ausgefallen, so waren meine Erwartungen niedrig angesetzt.

Freitag

Nach einer entspannten Autofahrt (die ich meinem Freund überlassen habe ;-) ), die nach hunderten Kilometer Autobahn eine malerische Gegend am Ufer des Rheins enthüllte (zahllose Weinstöcke und Burgen inklusive), kamen wir gut in der Zeit am Freitag an und nahmen die Atmosphäre am Campingplatz in uns auf. Dort verlief alles in sehr ruhigen Bahnen, vielleicht 200 Leute waren zu sehen. Als nächste Überraschung präsentierten sich uns die sanitären Anlagen. Dixi-Klos erwartend, fand ich einen Sanitärcontainer mit Keramiktoiletten und fließendem Wasser (!) vor. Später sollte ich auch noch Duschcontainer finden. Sehr angenehm, das Wochenende nicht verdreckt verbringen zu müssen. Bereits jetzt hatte ich das gute Gefühl, das würde ein angenehmes Wochenende werden. Alles aufgebaut und abgestellt nahmen wir uns noch etwas Zeit, um uns zu akklimatisieren, ehe wir zur Bühne aufbrachen.

Location

Die Bühne an der Loreley gehört zurecht zu den schönsten Locations, die deutsche Lande zu bieten haben. Die im Stile eines Amphitheaters aufgebaute Anlage verhieß entspannten Musikgenuss (gerne auch im Sitzen) bei einzigartiger Akustik. Die Auswahl an Merchandising- und Gastronomie-Ständen war klein aber fein (auch wenn Band-Shirts leider Rarität waren) — genau so, wie es zum gemütlichen Ambiente des kleinen Festivals passt. Generell hatte ich über das Wochenende nie das Gefühl, es seien mehr als 1.000 Leute anwesend. Die Statistik straft mich hier Lügen: Freitag sollen 4.500 und Samstag über 5.000 Leute da gewesen sein. Für ein Metal-Festival wäre das klein, im Progressive-Bereich spielen sich Events aber in deutlich bescheideneren Bahnen ab. Auch die Demographie der Besucher war für mich ein kleiner Stilbruch zu meinen bisherigen Erfahrungen: Das Gros der Anwesenden wird 35 Jahre oder aufwärts gewesen sein – graumeliert war absolut salonfähig. Entsprechend lax waren auch die Security-Checks: Wird man bei den meisten Konzerten mit allem anderen als den Kleidern am Leib schroff abgewiesen, waren hier Camping-Stühle, Decken, Polster, PET-Flaschen (erst am zweiten Tag wurde das auf Behälter mit der Aufschrift TETRA-PAK eingeschränkt – und kreativ ausgelegt :-D ) und – zu meiner großen Überraschung – auch Spiegelreflexkameras aller Dimensionen (auch mit Stativ) ohne Presseausweis erlaubt. Allein die Frage “Ist das eh keine Videokamera?” wurde gestellt – und meinerseits brav verneint ;-) Die Exemplare von Canon EF 70-200mm f/2.8 IS II USM , die ich an diesem Wochenende gesehen habe, kann ich nicht an einer Hand abzählen. Auch ich hätte an diesem Wochenende gerne ein solches besessen, denn ich musste rasch feststellen, dass selbst das beste Objektiv seine Grenzen aufgezeigt bekommt, wenn die Brennweite bei 55mm endet und das Motiv deutlich von einem entfernt ist. Das Festival war für mich das erste handfest Plädoyer dafür, mir ein Telezoom-Objektiv zu leisten.

Martigan (GER) & Sky Architect (NL)

Doch nun zur Musik – wegen der wir schließlich die vielen Kilometer abgespult haben. Als Opener fungierten die deutschen MARTIGAN, die schon als Veteranen gelten dürfen. Von allen Gruppen kannte ich von Martigan die wenigste Musik (d.h.: Gar nichts) und musste mich daher darauf beschränken, zu lauschen und zu genießen. Es wurde feiner Neo-Prog geboten, doch diese Art der Musik zündet erst nach mehrmaligem Hören. Entsprechend unbeeindruckt plätscherte es an mir vorüber.

Die nun kommenden SKY ARCHITECT waren mir um Einiges geläufiger. Die Newcomer aus Rotterdam haben 2010 mit ihrem Debütalbum Excavations of the Mind für Furore in der Szene gesorgt (das gesamte Album gibt es hier gemeinsam mit seinem Nachfolger zu hören). Auch für mich gehörten Sky Architect zu den musikalischen Highlights des Vorjahres. Ich habe ihren wunderbar intonierten Auftritt sehr genossen und bin wohl als einziger so richtig abgegangen. Eine neben mir stehende Frau meinte mitten im Konzert zu mir “Die sind gut, was?”. Ja, das bestätige ich.

Threshold (GB)

Die nun kommenden THRESHOLD waren für Simon und mich das Highlight des ersten Tages. Beide sahen wir die Band bereits zum zweiten Mal – und auch beim zweiten Mal gab es die selben Höhepunkte und Probleme. Sänger Damian Wilson hat die Location wie kein anderer dieses Wochenende genutzt, um mit dem Publikum auf Tuchfühlung zu gehen. Schon vor dem Konzert klatschte er mit den ersten Reihen ab (und nahm einen ganz hysterisches Groupie auch in den Arm – Damian, ein richtiger Ladies’ Man, wie schon damals in München festgestellt :-D ), unternahm eine kurze Tour durch die Menge und fand sich gerade richtig zum Beginn des Konzerts wieder auf der Bühne ein. Geboten wurde ein schöner Querschnitt aus den aktuelleren Threshold-Alben – sehr zu meiner Überraschung waren keine Stücke von Alben vor Hypothetical zu hören – also genau aus der Phase, als Damian Wilson zum ersten Mal Sänger der Band war. Nichtsdestotrotz war ich sehr angetan – mit Art of Reason und Pilot in the Sky of Dreams präsentierte die Band auch meine beiden persönlichen Favoriten der britischen Gruppe. Auch während des Auftritts ließ es sich Damian nicht nehmen, einige Ausflüge quer durch die Menge zu unternehmen und die Entscheidung schwer zu gestalten, wem ich nun meine Aufmerksamkeit schenken soll: Dem Sänger oder seinen Instrumentalisten? Probleme gab es – wie damals in München – mit der Abmischung des Sounds – Vocals waren zwar präsent, dafür ist das (bei Threshold bedeutende) Keyboard vollkommen untergegangen. Dennoch: Weit über eine Stunde mitgröhlen und auf einer Welle der Endorphine schwimmen. Wunderbar. Die Band zieht sich nach diesem Auftritt für den Rest des Jahres zurück und wird erst wieder mit einem neuem Album unter dem Gürtel auf die Bühne zurückkehren.

Riverside (PL)

Die nun kommenden Polen von RIVERSIDE haben sich in den 10 Jahren ihres Bestehens als feste Größe im Progressive Metal etabliert. Zur Feier des Jubiläums haben sie eine EP veröffentlicht (Memories in my Head), der sie im Rahmen ihres Konzerts ordentlich Platz geschaffen haben: Die gesamte EP nimmt die ersten 33 Minuten ihres Auftritts ein. Da ich die EP als einziges ihrer Werke nicht kenne, habe ich wenig davon. Faustregel: Je besser vorbereitet ich bin, desto packender ist der Auftritt. Den Rest ihres Konzerts bieten sie einen schönen Querschnitt aus ihren bisherigen Alben, mit einigen publikumswirksamen Highlights. Vorab hatte ich aufgeschnappt, dass die Gruppe rund um Mariusz Duda live keine echte Interaktion mit dem Publikum bietet – dieser Eindruck wurde nicht bestätigt. Kollektives Mitsingen bei Conceiving You und vor allem die von Mariusz initiierten Ooooo Ooo-Chöre bei Left Out waren wunderbar (und sollten sich zum running gag des Festivals mausern). Vor allem, da das Publikum nicht daran dachte, die Chöre zu beenden, auch auf Mariusz Bitte hin. Hihi :-D Beendet wurde das Konzert mit der – meiner Meinung nach – sich am besten dafür eignenden Nummer der Band: The Curtain Falls.

Eloy (GER)

Der aktive Konzerttag war für mich damit beendet, denn den Auftritt der deutschen Prog-Dinosaurier ELOY habe ich nur am Rande mitverfolgt. Vorab habe ich mich nur mit ihrem ersten Erfolgsalbum Ocean beschäftigt und wie zu erwarten, war genau ein Song in den zwei Stunden für mich bekannt. Von weit hinten und schon von Müdigkeit geschlagen verfolgte ich die Musik nur halb mit. Platz lassen für den harten Kern der Fans war die Devise. Immerhin hatten wir früher diesen Tag eine ganze Gruppe griechischer (!) Eloy-Fans getroffen, die extra für diesen Gig an die Loreley gereist sind – scheinbar Spätfolgen der erfolgreichen Griechenland-Konzerte der 70er. Das nenne ich Band-Treue. Mir kam vor, dass Sänger und Sprachrohr Frank Bornemann etwas verunsichert war, da er sich in den Ansagen ordentlich steif gab – sicher damit zusammenhängend, dass Eloy diesen Auftritt als DVD veröffentlichen wollen.

Glücklich und müde gab es an diesem Freitag nur noch eines für mich: Schlafen! Denn auch der nächste Konzerttag würde lang werden.

Samstag

Gut geschlafen, früh aufgestanden und geduscht war ich bereit für einen weitern Konzerttag. Die Zeit bis zum ersten Auftritt (um 12:30 angesetzt) haben wir damit gefüllt, die Loreley zu erkunden und den Ausblick von der Felsenspitze aus zu genießen. Auch habe ich einen kleinen britischen Mietsbus gesehen, der ins Gelände eingefahren ist. Die Insassen sollten mir später noch begegnen.

Haken (GB)

Wie vermutet, sollten sich diese Gestalten als die Mitglieder der britischen Progressive-Newcomer HAKEN bestätigen, die den zweiten Festivaltag um 12:30 eröffneten. Ähnlich wie bei den am Vortag auftretenden Sky Architect haben die Briten nur ein Album im Programm und wurden für dieses von der Presse gewürdigt. Neben den Tracks von Aquarius wurden auch zwei neue Stücke vorgestellt – hier fehlte natürlich der Draht des Publikums zur Musik. Bei den bekannten Stücken ging die Menge ordentlich ab – es waren zahlreiche dezidierte Haken-Fans anwesend, deren lautstarke Rufe nach Celestial Elixir schlussendlich auch belohnt wurden. Der Drummer der Band übertrieb es dennoch und zerlegte im Laufe des Konzerts nicht weniger als drei Sticks und seine Snare – eine Pause verursachend, die von der Band sympathisch durch lockeres Jamming gefüllt wurde. Hut ab.

Vanden Plas (GER)

Nach dem Auftritt von Haken merkte ich die Müdigkeit in den Knochen und die Erschöpfung vom Vortag gewaltig und verordnete mir – um die noch kommenden Auftritte von IQ und Dream Theater entsprechend würdigen zu können – eine Zwangspause. So genoss ich den Auftritt von VANDEN PLAS von den mittleren Rängen aus. Die Truppe aus dem Pfalztheater Karlsruhe baute sich als erste Gruppe etwas mehr optische Anreize in Form von Stehbannern auf, die das Logo der aktuellen Langspielplatte der Gruppe, The Seraphic Clockwork trug. Geboten wurde ein professioneller Querschnitt aus dem letzten Jahrzehnt des Schaffens einer Gruppe, die in unverändertem Line-Up nun schon satte zwanzig Jahre auf der Bühne steht. Da ich mich persönlich seit Beyond Daylight aus dem Jahre 2002 nicht mehr eingehender mit den Outputs der Gruppe beschäftigt habe, ist der Funke nicht zu 100% übergesprungen – auf jeden Fall wurde ich motiviert, mir die neuen Scheiben genauer anzuhören, denn die vernommenen Klänge waren sehr vielversprechend. Vocalist Andy Kuntz erwähnt während des Auftritts auch, dass es für Vanden Plas schwer gewesen sei, einmal an diesem Ort spielen zu können und es sie ehre, nun hier zu stehen. Angesichts von Newcomern wie Haken oder Sky Architect wunderte ich mich, warum es einer derart etablierten wie renommierten Gruppe wie Vanden Plas so schwer gemacht wird, das Night of the Prog zu beehren. Doch das nur am Rande.

RPWL (GER)

Für mich waren die letzten Deutschen im Aufgebot – RWPL – eine der Überraschungen des Festivals. Anfangs hatte ich keine großen Erwartungen an die Jungs rund um Frontmann Jogi Lang, doch gerade dieser entpuppte sich im Verlauf des Konzerts als echter Könner im Umgang mit dem Publikum, als sympathischer, humorvoller Musiker, der auch mit Augenzwinkern auf die eigene Nische blicken kann. Hier spielte eine Band, die auf dem Boden geblieben ist und genau weiß, wo sie steht. Die Musik war wirklich schön anzuhören – im Sinne der Ästhetik – und hatte in Verbindung mit den stark eingesetzten Visuals eine oft extrem eindrucksvolle Wirkung. Mein RPWL-Favorit war und ist The Gentle Art of Swimming. Diesem Stück zu lauschen habe ich sehr genossen. Den Vogel des Festivals schoss die Gruppe aber mit einem ganz anderen Stück ab: Dem extrem selbstironischen This is not a Prog Song, das mit humorvollen Visuals und einem schrägen Prog-Medley zu Ende die Herzen der Anwesenden im Flug eroberte. Ganz großes Kino!

IQ (GB)

Nun hieß es für mich wieder ab an die Front! Mit IQ stand nun die Band auf dem Programm, auf deren Auftritt am meisten gespannt war. Loreley stand für die Veteranen von der Insel im Rahmen ihrer Tour zur Feier des 30-jährigen Bandjubiläums auf dem Programm. Bemerkenswert, dass die Band – abgesehen vom Keyboarder – wieder in der Originalbesetzung auftritt, nachdem 30 Jahre zahlreiche Personalrochaden bedeuteten. Bei Sänger Peter Nicholls war ich mir über den gesamten Auftritt nicht sicher, ob er vielleicht schlecht geschlafen habe, so tief hingen seine Mundwinkel. Doch das scheint sein Standard-Ausdruck zu sein. Die Band bot in ihrer großzügigen Spielzeit ein charismatisches Set mit Highlights aus 30 Jahren Bandgeschichte – was für mich beim letzten Stück (The Last Human Gateway) allerdings bedeutete, dass ich nicht immer mitsingen kann ;-) Sehr schön fand ich, dass Peter beim Ansagen der Stücke immer ein wenig darüber verriet, welche Intention hinter den einzelnen Stücken steht – nun kann ich einige der Lieder in einem gänzlich neuen Kontext betrachten. Zusammengefasst war der Auftritt für mich ein Hochgenuss, der an diesem Tag nur noch von einer Band getoppt werden sollte.

Dream Theater (USA)

Der Auftritt von DREAM THEATER stand unter ganz schlechten Vorzeichen. Während die Bands vor ihnen mit der halben Stunde Umbaupause locker auskamen, war eine Stunde hier nicht genug. Mit etwa einer dreiviertel Stunde Verspätung konnte das Konzert erst beginnen. Die Fans waren zu diesem Zeitpunkt bereits unruhig geworden. Den ganzen Tag war schon zu beobachten, dass das Gros der Leute mit Dream Theater Band-Shirt herumläuft (ich durfte mich an diesem Tag auch dazu zählen). Die Erwartungshaltung war also groß. Zur Erheiterung der Menge begannen einige Leute, die andauernde Umbaupause mit den vom Vortag bekannten oooo-OOOOO-ooo-Chören aus Riversides Left Out zu überbrücken. Zum Schmunzeln. Schließlich wurden die Fans aber doch noch mehr als entlohnt – mit einem großartigen Auftritt. Dream Theater haben es tatsächlich geschafft, eine Brücke zwischen extremer Lautstärke und perfekter Abmischung zu schlagen, sodass Keyboarder Jordan Rudess nicht unterging. Die Set-List ließ für mich kaum zu wünschen übrig. Es wurden Stücke aus allen Phasen der Dream Theater-Karriere gespielt, auch eher unübliche Live-Stücke (hervorzuheben: The Great Debate). Mein lückenhaftes Gedächtnis hat folgende Set-List im Kopf (Reihenfolge ohne Gewähr):

  1. Under a Glass Moon
  2. Forsaken
  3. These Walls
  4. Endless Sacrifice
  5. Mike Mangini Drum Solo
  6. Ytse Jam
  7. On the Backs of Angels
  8. The Great Debate
  9. Peruvian Skies
  10. Through her Eyes / Fatal Tragedy
  11. ENCORE: The Count of Tuscany

Drummer Mike Mangini durfte an diesem Abend eindrucksvoll beweisen, dass er nicht nur eine Übergangslösung darstellt. Er zeigte von allen Beteiligten meiner Meinung nach die größte Spielfreude und ein furioses Solo, bei dem er das überdimensionale Drum-Kit, das Dream Theater unter anderem auszeichnet nach allen Regeln der Kunst bearbeitete. Auch Jordan Rudess überraschte mit einem neuen Spielzeug – einem umhängbaren Keyboard im E-Gitarren-Look, bei dem er sich neben John & John (Petrucci & Myung) bei Endless Sacrifice Zum Posieren aufbaute. Auch bei den Visuals (die bei Dream Theater viel Präsenz hatten – die Bandmitglieder wurden alle aus verschiedensten Perspektiven gefilmt und auf die Leinwand gespielt) hatte er die Lacher auf seiner Seite, wurde er doch synchron zu seinem Spiel als Comicfigur (Zauberer mit Spitzhut – perfekt passend zu seiner Glatze und mächtigem Ziegenbart) dargestellt, die auf einem kreisrunden Keyboard sein Spiel tut. Der Rest der Band bot gewohnt hohen Standard. Der Höhepunkt des Konzerts war sicher, als die Band nach dem Abtritt noch für The Count of Tuscany als Encore auf die Bühne zurück kamen. Das Stück hatte inmitten dieser magischen Location einfach Gänsehautcharakter, wie mir im Nachhinein von meinem Kumpanen Simon (bis dato absolut kein Dream Theater-Fan!) bestätigt wurde.

Anathema (GB)

Waren Dream Theater der laute und pompöse Knalleffekt und Höhepunkt dieses Festivals, so waren ANATHEMA ein mehr als würdiger Abschluss für zwei großartige Tage Musik, bei dem sie durch ganz besondere Emotionalität punkten konnten (unterstützt von der Dunkelheit). Bestens vertraut mit dem aktuellen Album We’re here because we’re here hatte ich kaum Mitsing-Barrieren zu überwinden, während die Gebrüder Cavanagh mit Unterstützung eindrucksvolle Klangkulissen hervorzauberten. Zwar konnte ich während des Auftritts immer wieder dissonante Züge in der Instrumentalisierung feststellen (die mich innerlich zusammenzucken ließen), doch konnten diese dem Auftritt seine emotionale Tiefe nicht nehmen. Mit Closer wurde auch ein persönlicher Favorit von Simon und mir gespielt (reichlich elektronisch modifiziert).

Fazit

Das Night of the Prog Festival VI hat mich allen Belangen überzeugt. Die Organisation hatte kaum Schwächen (die Abarbeitung der Schlange beim Einlass an beiden Tagen einmal abgesehen), die Mitfeiernden waren ein friedliches Volk (gemäß der Demographie: Wenig Kapuzenträger, viele Durchschnittslangweiler), die musikalische Aufstellung wird für mich schwer zu toppen sein. Für mich steht fest: Diese beiden Julitage im Jahre 2011 sind für mich bisher die unangefochtene Festivalreferenz, an der sich alles Kommende wird messen müssen. Ich freue mich auf nächstes Jahr!

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Beobachten heißt, sich zu verstecken

Ortsschild von Sommerloch im Kreis Bad Kreuznach
Ich melde mich mit diesem Posting zurück aus der ungeplanten SoulSpace-Sommerpause. Keine tragischen Ereignisse oder gar Zeitnot haben mich zur Einstellung des Postens bewogen – vielmehr war ich schlicht zu undiszipliniert und bin einem Trugschluss erlegen.

Ich kann mich gut an den Tag erinnern: Das zweite Intensiv-Seminar zum Thema Sozialkompetenz geht an der Fachhochschule gerade zu Ende. Es ist planmäßiger Teil des Lehrplans und von vielen Studenten ungeliebt, da es zur unpopulärsten Vorlesungszeit stattfindet: Freitag Nachmittag und Samstag Vormittag. Ich hingegen genieße diese beiden Tage und gehe so richtig in den behandelten Themen auf: Sich selbst wahrnehmen, über das eigene Auftreten philosophieren, Kommunikation ganz allgemein. Die Chance nützend frage ich unsere Kursleiterin vor Abschluss, wo ihrer Meinung nach meine große Stärke liege. Die prompte Antwort: Du bist ein großartiger Beobachter!

Für mich war das damals ein großes Lob und ich habe mich sehr darüber gefreut. Mittlerweile bin ich dem gegenüber skeptischer.

Beobachter zu sein hat seine Stärken und seinen Nutzen. Aber es hat auch seine Schattenseiten. Die Beobachter-Rolle kann missbraucht werden: Unter dem Deckmäntelchen der Behauptung, sich nobel zurück zu halten, kann ein geschicktes Versteckspiel stecken. Wenn ich andere Leute beobachte und gleichzeitig vermeide, viel von mir zu zeigen, bringe ich mich in eine sehr vorteilhafte Rolle: Ich kann mir ein sehr gutes Bild von den anderen Menschen machen. Dadurch, dass sie offen sind, zeigen sie nicht nur ihre Schokoladenseite, sondern auch ihre Schatten. Ich kann ihre Schwächen erkennen, während ich mich selbst schadlos halte – ich zeige ja schließlich nichts von mir. Aus guten Gründen kann es einem solchen Beobachter leicht passieren, dass ihn die Leute mit der Zeit zu meiden beginnen.

Three Wise Monkeys

Nicht hinsehen, nichts hören, nichts sagen.

Eine weitere Problematik des Beobachters, der keiner ist: Er geht seinen eigenen Schattenseiten aus dem Weg. Indem er nichts hergibt, braucht er sich auch nicht mit seinen Schwächen und Problemen auseinander setzen. Dadurch spinnt er sich in einem Kokon, in dem er nichts zu befürchten hat, aber gleichzeitig auch erstarrt. Wer keine Fehler erlaubt, der kann nicht wachsen, kann nicht leben. Uns entwickeln tun wir nur, indem wir immer wieder auf die eigene Nase fallen – und uns danach aufrappeln. Das wird einem solchen Menschen nie zuteil.

In den letzten Monaten habe ich über mich gelernt, dass ich gerne wünsche, was ich selbst nicht zu geben vermag: Ein Gegenüber, das offen und zugänglich ist, mit dem ich mich verbinden kann. Mir ist nie bewusst gewesen, wie gut ich darin bin, nichts von mir herzugeben – immer eine Konfrontation mit meinen Schattenseiten vermeidend. Ich habe gelernt, dass ich große Angst vor Fehlern habe. Ohne diese Fehler zu machen kann ich aber niemals anders werden. Wenn ich Fehler mache, dann ist das Schlimmste, was passieren kann, dass ich danach klüger bin. Ich habe gelernt, dass dieses Wissen bei meinem Verstand, aber nicht bei meinem Herzen angekommen ist. Ich habe gelernt, dass das eine Frage des Ur-Vertrauens ist. Wer vertraut, der hat keine Angst vor der Konsequenz eines Fehlers. Das lässt mich zurück mit der Frage, wie ich an dieses Vertrauen gelangen kann.

Courage Wolf - Fear is a Reflex / Confidence is a Choice

"Es ist deine Entscheidung."

Meine Einsicht: Vertrauen ist eine Gewohnheit – eine über die Jahre kultivierte Art und Weise, an Herausforderungen im Leben heran zu gehen. Wenn sie mir fehlt, kann ich sie durch beständiges Re-Kultivieren dieser Gewohnheit zurück erlangen. Dazu braucht es, über meinen Schatten zu springen und neue Erfahrungen zu sammeln – zuzulassen, dass ich mich irre, Fehler mache.

Ich habe verstanden, dass ein jeder Mensch zu allem eine Meinung hat. Der Grund, warum er sie ungern preis gibt ist der, dass er Angst davor hat, er könne sich irren. Meist ist dem auch so. Ich bin mir sicher, dass ich mich in den meisten Belangen irre – entweder grundsätzlich oder im Detail. Doch genauso gut kann es sein, dass ich zu anderen Dingen glasklare Gedanken besitze. Auf beides werde ich nie kommen, wenn ich es nicht darauf ankommen lasse – und meine Meinungen der öffentlichen Kritik aussetze.

Genau das ist der Grund, warum das Sommerloch nun ein Ende findet. In den nächsten Wochen, Monaten und Jahren werde ich SoulSpace wieder als leere Leinwand für meine Hirngespinste verwenden – und sehen, was als Reaktion eintrudelt – durch mich selbst oder durch andere. Den Beginn machen die nächsten Tage Artikel, die bereits Staub angesetzt haben und als Entwurf schon Wochen herum grundeln.

Viel Spaß beim Lesen – ich freue mich auf eure Reaktionen!

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