… bis er eine aufs Maul bekommt. Oder im Original:
“Everyone has a plan ’till they get punched in the mouth.” – Mike Tyson
Mike Tyson weiß etwas davon, eine verpasst zu bekommen - und dann weiter zu machen.
Ich weiß es nicht besser, ehe ich es am eigenen Leib erfahre. Tatort: Turnhalle der Hauptschule Freistadt. Tatzeit: Etwa 21:00. Tatbestand: Aikido-Training. Mein Trainer Philipp schlägt vor, dass wir heute Jiuwaza (freie Technik) üben. Das bedeutet: Ich kann zwar durch meine Haltung andeuten, welche Art des Angriff ich ungefähr erwarte, doch im Endeffekt weiß ich nicht, was kommt und welche Technik ich auf diesen Eingang machen werde.
Ich hasse solche Situationen. Mein Gehirn verweigert jede Tätigkeit, ich stehe wie angewurzelt da, kassiere einige Angriffe. Ich versuche umständlich einige Techniken, doch es will nicht funktionieren. Ich weiß nicht, womit ich rechnen kann, das macht mir Stress. Mehr Stress, als ich aushalte. Ich kämpfe immer wieder damit, entweder aus Wut irgendwas (d.h. mich) zu schlagen, davonzulaufen oder einfach zu heulen. Weiter geht’s. Ein neuer Versuch. Ich biete eindeutig an, stelle mich mental auf eine Technik ein, hole mir ein wenig Ruhe zurück. Zack. Anderer Angriff, komplette Paralyse. Wieder nichts geworden. So geht das minutenlang dahin – permanenter Ausnahmezustand. Richtig wäre, einfach weiter zu machen, auch wenn die Technik nicht gelingt – doch genau das fällt mir gestern unsäglich schwer.
Manchmal denke ich mir, ich habe innere Ruhe. Solche Situationen wie gestern zeigen mir, dass das bestenfalls ein dünner Film ist, über das brodelnde Chaos meiner Hilflosigkeit gespannt. Kein Wunder. Ich vermeide es auch gekonnt, in solche Situationen zu gelangen. Unser Verbandsvorsitzender Georg hat in einem der vielen spannenden Gespräche mit ihm gemeint, ein Krieger ist einer, der in einer solchen Situation das Programm, das 95% von uns haben (Flucht oder Paralyse) überschreiben kann und sich der Situation stellt.
Um das zu können, muss einer erst einmal aber einige Schläge ins Gesicht verpasst bekommen – um zu lernen, um mit der Situation umgehen zu können.
Eines hatten wir auf jeden Fall gemein: Als mein Freund Simon das Billing des diesjährigen Night of the Prog-Festivals zum ersten Mal gesehen hat, waren seine Augen genauso groß wie die meinen. Als bekennender Freund der Musik aus dem Progressive-Rock/Metal-Dunstkreis waren da mehr als nur ein paar Leckerbissen zu finden.
Die Frage, ob wir dorthin fahren stellte sich nicht mehr. Und so kommt es, dass wir letztes Wochenende die 700 Kilometer lange Reise ins ferne Rheintal angetreten sind. Meine bisherige Festivalerfahrung des Jahres 2011 war mit einem ungemein verregneten und musikalisch für mich wenig interessanten Metalfest 2011 dürftig ausgefallen, so waren meine Erwartungen niedrig angesetzt.
Freitag
Nach einer entspannten Autofahrt (die ich meinem Freund überlassen habe ), die nach hunderten Kilometer Autobahn eine malerische Gegend am Ufer des Rheins enthüllte (zahllose Weinstöcke und Burgen inklusive), kamen wir gut in der Zeit am Freitag an und nahmen die Atmosphäre am Campingplatz in uns auf. Dort verlief alles in sehr ruhigen Bahnen, vielleicht 200 Leute waren zu sehen. Als nächste Überraschung präsentierten sich uns die sanitären Anlagen. Dixi-Klos erwartend, fand ich einen Sanitärcontainer mit Keramiktoiletten und fließendem Wasser (!) vor. Später sollte ich auch noch Duschcontainer finden. Sehr angenehm, das Wochenende nicht verdreckt verbringen zu müssen. Bereits jetzt hatte ich das gute Gefühl, das würde ein angenehmes Wochenende werden. Alles aufgebaut und abgestellt nahmen wir uns noch etwas Zeit, um uns zu akklimatisieren, ehe wir zur Bühne aufbrachen.
Location
Die Bühne an der Loreley gehört zurecht zu den schönsten Locations, die deutsche Lande zu bieten haben. Die im Stile eines Amphitheaters aufgebaute Anlage verhieß entspannten Musikgenuss (gerne auch im Sitzen) bei einzigartiger Akustik. Die Auswahl an Merchandising- und Gastronomie-Ständen war klein aber fein (auch wenn Band-Shirts leider Rarität waren) — genau so, wie es zum gemütlichen Ambiente des kleinen Festivals passt. Generell hatte ich über das Wochenende nie das Gefühl, es seien mehr als 1.000 Leute anwesend. Die Statistik straft mich hier Lügen: Freitag sollen 4.500 und Samstag über 5.000 Leute da gewesen sein. Für ein Metal-Festival wäre das klein, im Progressive-Bereich spielen sich Events aber in deutlich bescheideneren Bahnen ab. Auch die Demographie der Besucher war für mich ein kleiner Stilbruch zu meinen bisherigen Erfahrungen: Das Gros der Anwesenden wird 35 Jahre oder aufwärts gewesen sein – graumeliert war absolut salonfähig. Entsprechend lax waren auch die Security-Checks: Wird man bei den meisten Konzerten mit allem anderen als den Kleidern am Leib schroff abgewiesen, waren hier Camping-Stühle, Decken, Polster, PET-Flaschen (erst am zweiten Tag wurde das auf Behälter mit der Aufschrift TETRA-PAK eingeschränkt – und kreativ ausgelegt ) und – zu meiner großen Überraschung – auch Spiegelreflexkameras aller Dimensionen (auch mit Stativ) ohne Presseausweis erlaubt. Allein die Frage “Ist das eh keine Videokamera?” wurde gestellt – und meinerseits brav verneint Die Exemplare von Canon EF 70-200mm f/2.8 IS II USM , die ich an diesem Wochenende gesehen habe, kann ich nicht an einer Hand abzählen. Auch ich hätte an diesem Wochenende gerne ein solches besessen, denn ich musste rasch feststellen, dass selbst das beste Objektiv seine Grenzen aufgezeigt bekommt, wenn die Brennweite bei 55mm endet und das Motiv deutlich von einem entfernt ist. Das Festival war für mich das erste handfest Plädoyer dafür, mir ein Telezoom-Objektiv zu leisten.
Martigan (GER) & Sky Architect (NL)
Doch nun zur Musik – wegen der wir schließlich die vielen Kilometer abgespult haben. Als Opener fungierten die deutschen MARTIGAN, die schon als Veteranen gelten dürfen. Von allen Gruppen kannte ich von Martigan die wenigste Musik (d.h.: Gar nichts) und musste mich daher darauf beschränken, zu lauschen und zu genießen. Es wurde feiner Neo-Prog geboten, doch diese Art der Musik zündet erst nach mehrmaligem Hören. Entsprechend unbeeindruckt plätscherte es an mir vorüber.
Die nun kommenden SKY ARCHITECT waren mir um Einiges geläufiger. Die Newcomer aus Rotterdam haben 2010 mit ihrem Debütalbum Excavations of the Mind für Furore in der Szene gesorgt (das gesamte Album gibt es hier gemeinsam mit seinem Nachfolger zu hören). Auch für mich gehörten Sky Architect zu den musikalischen Highlights des Vorjahres. Ich habe ihren wunderbar intonierten Auftritt sehr genossen und bin wohl als einziger so richtig abgegangen. Eine neben mir stehende Frau meinte mitten im Konzert zu mir “Die sind gut, was?”. Ja, das bestätige ich.
Threshold (GB)
Die nun kommenden THRESHOLD waren für Simon und mich das Highlight des ersten Tages. Beide sahen wir die Band bereits zum zweiten Mal – und auch beim zweiten Mal gab es die selben Höhepunkte und Probleme. Sänger Damian Wilson hat die Location wie kein anderer dieses Wochenende genutzt, um mit dem Publikum auf Tuchfühlung zu gehen. Schon vor dem Konzert klatschte er mit den ersten Reihen ab (und nahm einen ganz hysterisches Groupie auch in den Arm – Damian, ein richtiger Ladies’ Man, wie schon damals in München festgestellt ), unternahm eine kurze Tour durch die Menge und fand sich gerade richtig zum Beginn des Konzerts wieder auf der Bühne ein. Geboten wurde ein schöner Querschnitt aus den aktuelleren Threshold-Alben – sehr zu meiner Überraschung waren keine Stücke von Alben vor Hypothetical zu hören – also genau aus der Phase, als Damian Wilson zum ersten Mal Sänger der Band war. Nichtsdestotrotz war ich sehr angetan – mit Art of Reason und Pilot in the Sky of Dreams präsentierte die Band auch meine beiden persönlichen Favoriten der britischen Gruppe. Auch während des Auftritts ließ es sich Damian nicht nehmen, einige Ausflüge quer durch die Menge zu unternehmen und die Entscheidung schwer zu gestalten, wem ich nun meine Aufmerksamkeit schenken soll: Dem Sänger oder seinen Instrumentalisten? Probleme gab es – wie damals in München – mit der Abmischung des Sounds – Vocals waren zwar präsent, dafür ist das (bei Threshold bedeutende) Keyboard vollkommen untergegangen. Dennoch: Weit über eine Stunde mitgröhlen und auf einer Welle der Endorphine schwimmen. Wunderbar. Die Band zieht sich nach diesem Auftritt für den Rest des Jahres zurück und wird erst wieder mit einem neuem Album unter dem Gürtel auf die Bühne zurückkehren.
Riverside (PL)
Die nun kommenden Polen von RIVERSIDE haben sich in den 10 Jahren ihres Bestehens als feste Größe im Progressive Metal etabliert. Zur Feier des Jubiläums haben sie eine EP veröffentlicht (Memories in my Head), der sie im Rahmen ihres Konzerts ordentlich Platz geschaffen haben: Die gesamte EP nimmt die ersten 33 Minuten ihres Auftritts ein. Da ich die EP als einziges ihrer Werke nicht kenne, habe ich wenig davon. Faustregel: Je besser vorbereitet ich bin, desto packender ist der Auftritt. Den Rest ihres Konzerts bieten sie einen schönen Querschnitt aus ihren bisherigen Alben, mit einigen publikumswirksamen Highlights. Vorab hatte ich aufgeschnappt, dass die Gruppe rund um Mariusz Duda live keine echte Interaktion mit dem Publikum bietet – dieser Eindruck wurde nicht bestätigt. Kollektives Mitsingen bei Conceiving You und vor allem die von Mariusz initiierten Ooooo Ooo-Chöre bei Left Out waren wunderbar (und sollten sich zum running gag des Festivals mausern). Vor allem, da das Publikum nicht daran dachte, die Chöre zu beenden, auch auf Mariusz Bitte hin. Hihi Beendet wurde das Konzert mit der – meiner Meinung nach – sich am besten dafür eignenden Nummer der Band: The Curtain Falls.
Eloy (GER)
Der aktive Konzerttag war für mich damit beendet, denn den Auftritt der deutschen Prog-Dinosaurier ELOY habe ich nur am Rande mitverfolgt. Vorab habe ich mich nur mit ihrem ersten Erfolgsalbum Ocean beschäftigt und wie zu erwarten, war genau ein Song in den zwei Stunden für mich bekannt. Von weit hinten und schon von Müdigkeit geschlagen verfolgte ich die Musik nur halb mit. Platz lassen für den harten Kern der Fans war die Devise. Immerhin hatten wir früher diesen Tag eine ganze Gruppe griechischer (!) Eloy-Fans getroffen, die extra für diesen Gig an die Loreley gereist sind – scheinbar Spätfolgen der erfolgreichen Griechenland-Konzerte der 70er. Das nenne ich Band-Treue. Mir kam vor, dass Sänger und Sprachrohr Frank Bornemann etwas verunsichert war, da er sich in den Ansagen ordentlich steif gab – sicher damit zusammenhängend, dass Eloy diesen Auftritt als DVD veröffentlichen wollen.
Glücklich und müde gab es an diesem Freitag nur noch eines für mich: Schlafen! Denn auch der nächste Konzerttag würde lang werden.
Samstag
Gut geschlafen, früh aufgestanden und geduscht war ich bereit für einen weitern Konzerttag. Die Zeit bis zum ersten Auftritt (um 12:30 angesetzt) haben wir damit gefüllt, die Loreley zu erkunden und den Ausblick von der Felsenspitze aus zu genießen. Auch habe ich einen kleinen britischen Mietsbus gesehen, der ins Gelände eingefahren ist. Die Insassen sollten mir später noch begegnen.
Haken (GB)
Wie vermutet, sollten sich diese Gestalten als die Mitglieder der britischen Progressive-Newcomer HAKEN bestätigen, die den zweiten Festivaltag um 12:30 eröffneten. Ähnlich wie bei den am Vortag auftretenden Sky Architect haben die Briten nur ein Album im Programm und wurden für dieses von der Presse gewürdigt. Neben den Tracks von Aquarius wurden auch zwei neue Stücke vorgestellt – hier fehlte natürlich der Draht des Publikums zur Musik. Bei den bekannten Stücken ging die Menge ordentlich ab – es waren zahlreiche dezidierte Haken-Fans anwesend, deren lautstarke Rufe nach Celestial Elixir schlussendlich auch belohnt wurden. Der Drummer der Band übertrieb es dennoch und zerlegte im Laufe des Konzerts nicht weniger als drei Sticks und seine Snare – eine Pause verursachend, die von der Band sympathisch durch lockeres Jamming gefüllt wurde. Hut ab.
Vanden Plas (GER)
Nach dem Auftritt von Haken merkte ich die Müdigkeit in den Knochen und die Erschöpfung vom Vortag gewaltig und verordnete mir – um die noch kommenden Auftritte von IQ und Dream Theater entsprechend würdigen zu können – eine Zwangspause. So genoss ich den Auftritt von VANDEN PLAS von den mittleren Rängen aus. Die Truppe aus dem Pfalztheater Karlsruhe baute sich als erste Gruppe etwas mehr optische Anreize in Form von Stehbannern auf, die das Logo der aktuellen Langspielplatte der Gruppe, The Seraphic Clockwork trug. Geboten wurde ein professioneller Querschnitt aus dem letzten Jahrzehnt des Schaffens einer Gruppe, die in unverändertem Line-Up nun schon satte zwanzig Jahre auf der Bühne steht. Da ich mich persönlich seit Beyond Daylight aus dem Jahre 2002 nicht mehr eingehender mit den Outputs der Gruppe beschäftigt habe, ist der Funke nicht zu 100% übergesprungen – auf jeden Fall wurde ich motiviert, mir die neuen Scheiben genauer anzuhören, denn die vernommenen Klänge waren sehr vielversprechend. Vocalist Andy Kuntz erwähnt während des Auftritts auch, dass es für Vanden Plas schwer gewesen sei, einmal an diesem Ort spielen zu können und es sie ehre, nun hier zu stehen. Angesichts von Newcomern wie Haken oder Sky Architect wunderte ich mich, warum es einer derart etablierten wie renommierten Gruppe wie Vanden Plas so schwer gemacht wird, das Night of the Prog zu beehren. Doch das nur am Rande.
RPWL (GER)
Für mich waren die letzten Deutschen im Aufgebot – RWPL – eine der Überraschungen des Festivals. Anfangs hatte ich keine großen Erwartungen an die Jungs rund um Frontmann Jogi Lang, doch gerade dieser entpuppte sich im Verlauf des Konzerts als echter Könner im Umgang mit dem Publikum, als sympathischer, humorvoller Musiker, der auch mit Augenzwinkern auf die eigene Nische blicken kann. Hier spielte eine Band, die auf dem Boden geblieben ist und genau weiß, wo sie steht. Die Musik war wirklich schön anzuhören – im Sinne der Ästhetik – und hatte in Verbindung mit den stark eingesetzten Visuals eine oft extrem eindrucksvolle Wirkung. Mein RPWL-Favorit war und ist The Gentle Art of Swimming. Diesem Stück zu lauschen habe ich sehr genossen. Den Vogel des Festivals schoss die Gruppe aber mit einem ganz anderen Stück ab: Dem extrem selbstironischen This is not a Prog Song, das mit humorvollen Visuals und einem schrägen Prog-Medley zu Ende die Herzen der Anwesenden im Flug eroberte. Ganz großes Kino!
IQ (GB)
Nun hieß es für mich wieder ab an die Front! Mit IQ stand nun die Band auf dem Programm, auf deren Auftritt am meisten gespannt war. Loreley stand für die Veteranen von der Insel im Rahmen ihrer Tour zur Feier des 30-jährigen Bandjubiläums auf dem Programm. Bemerkenswert, dass die Band – abgesehen vom Keyboarder – wieder in der Originalbesetzung auftritt, nachdem 30 Jahre zahlreiche Personalrochaden bedeuteten. Bei Sänger Peter Nicholls war ich mir über den gesamten Auftritt nicht sicher, ob er vielleicht schlecht geschlafen habe, so tief hingen seine Mundwinkel. Doch das scheint sein Standard-Ausdruck zu sein. Die Band bot in ihrer großzügigen Spielzeit ein charismatisches Set mit Highlights aus 30 Jahren Bandgeschichte – was für mich beim letzten Stück (The Last Human Gateway) allerdings bedeutete, dass ich nicht immer mitsingen kann Sehr schön fand ich, dass Peter beim Ansagen der Stücke immer ein wenig darüber verriet, welche Intention hinter den einzelnen Stücken steht – nun kann ich einige der Lieder in einem gänzlich neuen Kontext betrachten. Zusammengefasst war der Auftritt für mich ein Hochgenuss, der an diesem Tag nur noch von einer Band getoppt werden sollte.
Dream Theater (USA)
Der Auftritt von DREAM THEATER stand unter ganz schlechten Vorzeichen. Während die Bands vor ihnen mit der halben Stunde Umbaupause locker auskamen, war eine Stunde hier nicht genug. Mit etwa einer dreiviertel Stunde Verspätung konnte das Konzert erst beginnen. Die Fans waren zu diesem Zeitpunkt bereits unruhig geworden. Den ganzen Tag war schon zu beobachten, dass das Gros der Leute mit Dream Theater Band-Shirt herumläuft (ich durfte mich an diesem Tag auch dazu zählen). Die Erwartungshaltung war also groß. Zur Erheiterung der Menge begannen einige Leute, die andauernde Umbaupause mit den vom Vortag bekannten oooo-OOOOO-ooo-Chören aus Riversides Left Out zu überbrücken. Zum Schmunzeln. Schließlich wurden die Fans aber doch noch mehr als entlohnt – mit einem großartigen Auftritt. Dream Theater haben es tatsächlich geschafft, eine Brücke zwischen extremer Lautstärke und perfekter Abmischung zu schlagen, sodass Keyboarder Jordan Rudess nicht unterging. Die Set-List ließ für mich kaum zu wünschen übrig. Es wurden Stücke aus allen Phasen der Dream Theater-Karriere gespielt, auch eher unübliche Live-Stücke (hervorzuheben: The Great Debate). Mein lückenhaftes Gedächtnis hat folgende Set-List im Kopf (Reihenfolge ohne Gewähr):
Under a Glass Moon
Forsaken
These Walls
Endless Sacrifice
Mike Mangini Drum Solo
Ytse Jam
On the Backs of Angels
The Great Debate
Peruvian Skies
Through her Eyes / Fatal Tragedy
ENCORE: The Count of Tuscany
Drummer Mike Mangini durfte an diesem Abend eindrucksvoll beweisen, dass er nicht nur eine Übergangslösung darstellt. Er zeigte von allen Beteiligten meiner Meinung nach die größte Spielfreude und ein furioses Solo, bei dem er das überdimensionale Drum-Kit, das Dream Theater unter anderem auszeichnet nach allen Regeln der Kunst bearbeitete. Auch Jordan Rudess überraschte mit einem neuen Spielzeug – einem umhängbaren Keyboard im E-Gitarren-Look, bei dem er sich neben John & John (Petrucci & Myung) bei Endless Sacrifice Zum Posieren aufbaute. Auch bei den Visuals (die bei Dream Theater viel Präsenz hatten – die Bandmitglieder wurden alle aus verschiedensten Perspektiven gefilmt und auf die Leinwand gespielt) hatte er die Lacher auf seiner Seite, wurde er doch synchron zu seinem Spiel als Comicfigur (Zauberer mit Spitzhut – perfekt passend zu seiner Glatze und mächtigem Ziegenbart) dargestellt, die auf einem kreisrunden Keyboard sein Spiel tut. Der Rest der Band bot gewohnt hohen Standard. Der Höhepunkt des Konzerts war sicher, als die Band nach dem Abtritt noch für The Count of Tuscany als Encore auf die Bühne zurück kamen. Das Stück hatte inmitten dieser magischen Location einfach Gänsehautcharakter, wie mir im Nachhinein von meinem Kumpanen Simon (bis dato absolut kein Dream Theater-Fan!) bestätigt wurde.
Anathema (GB)
Waren Dream Theater der laute und pompöse Knalleffekt und Höhepunkt dieses Festivals, so waren ANATHEMA ein mehr als würdiger Abschluss für zwei großartige Tage Musik, bei dem sie durch ganz besondere Emotionalität punkten konnten (unterstützt von der Dunkelheit). Bestens vertraut mit dem aktuellen Album We’re here because we’re here hatte ich kaum Mitsing-Barrieren zu überwinden, während die Gebrüder Cavanagh mit Unterstützung eindrucksvolle Klangkulissen hervorzauberten. Zwar konnte ich während des Auftritts immer wieder dissonante Züge in der Instrumentalisierung feststellen (die mich innerlich zusammenzucken ließen), doch konnten diese dem Auftritt seine emotionale Tiefe nicht nehmen. Mit Closer wurde auch ein persönlicher Favorit von Simon und mir gespielt (reichlich elektronisch modifiziert).
Fazit
Das Night of the Prog Festival VI hat mich allen Belangen überzeugt. Die Organisation hatte kaum Schwächen (die Abarbeitung der Schlange beim Einlass an beiden Tagen einmal abgesehen), die Mitfeiernden waren ein friedliches Volk (gemäß der Demographie: Wenig Kapuzenträger, viele Durchschnittslangweiler), die musikalische Aufstellung wird für mich schwer zu toppen sein. Für mich steht fest: Diese beiden Julitage im Jahre 2011 sind für mich bisher die unangefochtene Festivalreferenz, an der sich alles Kommende wird messen müssen. Ich freue mich auf nächstes Jahr!
Ich melde mich mit diesem Posting zurück aus der ungeplanten SoulSpace-Sommerpause. Keine tragischen Ereignisse oder gar Zeitnot haben mich zur Einstellung des Postens bewogen – vielmehr war ich schlicht zu undiszipliniert und bin einem Trugschluss erlegen.
Ich kann mich gut an den Tag erinnern: Das zweite Intensiv-Seminar zum Thema Sozialkompetenz geht an der Fachhochschule gerade zu Ende. Es ist planmäßiger Teil des Lehrplans und von vielen Studenten ungeliebt, da es zur unpopulärsten Vorlesungszeit stattfindet: Freitag Nachmittag und Samstag Vormittag. Ich hingegen genieße diese beiden Tage und gehe so richtig in den behandelten Themen auf: Sich selbst wahrnehmen, über das eigene Auftreten philosophieren, Kommunikation ganz allgemein. Die Chance nützend frage ich unsere Kursleiterin vor Abschluss, wo ihrer Meinung nach meine große Stärke liege. Die prompte Antwort: Du bist ein großartiger Beobachter!
Für mich war das damals ein großes Lob und ich habe mich sehr darüber gefreut. Mittlerweile bin ich dem gegenüber skeptischer.
Beobachter zu sein hat seine Stärken und seinen Nutzen. Aber es hat auch seine Schattenseiten. Die Beobachter-Rolle kann missbraucht werden: Unter dem Deckmäntelchen der Behauptung, sich nobel zurück zu halten, kann ein geschicktes Versteckspiel stecken. Wenn ich andere Leute beobachte und gleichzeitig vermeide, viel von mir zu zeigen, bringe ich mich in eine sehr vorteilhafte Rolle: Ich kann mir ein sehr gutes Bild von den anderen Menschen machen. Dadurch, dass sie offen sind, zeigen sie nicht nur ihre Schokoladenseite, sondern auch ihre Schatten. Ich kann ihre Schwächen erkennen, während ich mich selbst schadlos halte – ich zeige ja schließlich nichts von mir. Aus guten Gründen kann es einem solchen Beobachter leicht passieren, dass ihn die Leute mit der Zeit zu meiden beginnen.
Nicht hinsehen, nichts hören, nichts sagen.
Eine weitere Problematik des Beobachters, der keiner ist: Er geht seinen eigenen Schattenseiten aus dem Weg. Indem er nichts hergibt, braucht er sich auch nicht mit seinen Schwächen und Problemen auseinander setzen. Dadurch spinnt er sich in einem Kokon, in dem er nichts zu befürchten hat, aber gleichzeitig auch erstarrt. Wer keine Fehler erlaubt, der kann nicht wachsen, kann nicht leben. Uns entwickeln tun wir nur, indem wir immer wieder auf die eigene Nase fallen – und uns danach aufrappeln. Das wird einem solchen Menschen nie zuteil.
In den letzten Monaten habe ich über mich gelernt, dass ich gerne wünsche, was ich selbst nicht zu geben vermag: Ein Gegenüber, das offen und zugänglich ist, mit dem ich mich verbinden kann. Mir ist nie bewusst gewesen, wie gut ich darin bin, nichts von mir herzugeben – immer eine Konfrontation mit meinen Schattenseiten vermeidend. Ich habe gelernt, dass ich große Angst vor Fehlern habe. Ohne diese Fehler zu machen kann ich aber niemals anders werden. Wenn ich Fehler mache, dann ist das Schlimmste, was passieren kann, dass ich danach klüger bin. Ich habe gelernt, dass dieses Wissen bei meinem Verstand, aber nicht bei meinem Herzen angekommen ist. Ich habe gelernt, dass das eine Frage des Ur-Vertrauens ist. Wer vertraut, der hat keine Angst vor der Konsequenz eines Fehlers. Das lässt mich zurück mit der Frage, wie ich an dieses Vertrauen gelangen kann.
"Es ist deine Entscheidung."
Meine Einsicht: Vertrauen ist eine Gewohnheit – eine über die Jahre kultivierte Art und Weise, an Herausforderungen im Leben heran zu gehen. Wenn sie mir fehlt, kann ich sie durch beständiges Re-Kultivieren dieser Gewohnheit zurück erlangen. Dazu braucht es, über meinen Schatten zu springen und neue Erfahrungen zu sammeln – zuzulassen, dass ich mich irre, Fehler mache.
Ich habe verstanden, dass ein jeder Mensch zu allem eine Meinung hat. Der Grund, warum er sie ungern preis gibt ist der, dass er Angst davor hat, er könne sich irren. Meist ist dem auch so. Ich bin mir sicher, dass ich mich in den meisten Belangen irre – entweder grundsätzlich oder im Detail. Doch genauso gut kann es sein, dass ich zu anderen Dingen glasklare Gedanken besitze. Auf beides werde ich nie kommen, wenn ich es nicht darauf ankommen lasse – und meine Meinungen der öffentlichen Kritik aussetze.
Genau das ist der Grund, warum das Sommerloch nun ein Ende findet. In den nächsten Wochen, Monaten und Jahren werde ich SoulSpace wieder als leere Leinwand für meine Hirngespinste verwenden – und sehen, was als Reaktion eintrudelt – durch mich selbst oder durch andere. Den Beginn machen die nächsten Tage Artikel, die bereits Staub angesetzt haben und als Entwurf schon Wochen herum grundeln.
Viel Spaß beim Lesen – ich freue mich auf eure Reaktionen!
In regelmäßigen Abständen holt mich meine eigene Vergangenheit ein. Als ich heute lediglich den Menüplan des Restaurants um Ecke aufrufen wollte, um zu sehen, aus welchem Angebot die Arbeitskollegen zu wählen hatten, bin ich über ein altes Lesezeichen gestolpert.
Vor ewig langer Zeit habe ich Matt Stone’s Artikel The Catcholamine Honeymoon als Lesezeichen abgelegt, weil er mir damals gut gefallen hat. Damals. Das war eine Zeit, in der ich mich sehr intensiv mit dem Thema gesunde Ernährung auseinander gesetzt habe – zu intensiv, wie mir mittlerweile bewusst geworden ist. Ich habe verschiedene Systeme kennen gelernt – und kennen gelernt, dass in einem System kein Platz für Ums-Eck-Denken ist. Ich habe mich nun bereits über ein Jahr von der Szene distanziert und frequentiere keine einschlägigen Medien mehr. Später mehr zu meinen Erfahrungen.
Wer seine Zeit nicht darauf verwendet, sich im einschlägigen Dunstkreis US-amerikanischer Ernährungstrends zu bewegen, wird noch nicht viel vom sogenannten Paleo-Trend mitbekommen haben, der dort auch in der öffentlichen Wahrnehmung extrem zu boomen beginnt. Ernährung ist für die Amerikaner ein schwieriges Thema, da sie vom Stigma der fettesten Nation weltweit geprägt sind und daher besonders extrem mit dem Thema umgehen. Bei Paleo geht es darum – ganz entsprechend dem vollständigen Namen paleolithic diet – sich nach dem Vorbild des Steinzeitmenschen zu ernähren, um optimale Gesundheit zu erreichen. Laut der These hinter diesem System hat sich der Mensch in den letzten circa 10.000 Jahren nicht an die modernen Nahrungsmittel gewohnt (in erster Linie Getreide, für viele auch Milch). Daher sollten wir uns auf Obst, Gemüse, Nüsse und – in erster Linie – viel, viel (fettes) Fleisch beschränken. Die Gemeinschaft rund um die Paleo-Diät hat eine große Schnittmenge mit den auch hier immer heftiger propagierten Low-Carb-Diäten, bei denen die Kohlenhydrate reduziert werden. Das geht oft Hand in Hand, da Getreide und stärkehaltige Gemüse wie Kartoffeln den Löwenanteil der verzehrten Kohlenhydrate ausmachen.
Nachdem die führenden Personen in dieser Bewegung messerscharf die Fett-Verdammung enttarnt, die ab den 70er-Jahren stattfand fallen sie nun in dieselbe Falle und sind die Evangelisten einer gleich blinden Verdammung von Kohlenhydraten. Michael Pollan stellte in seinem Buch Lebensmittel fest, dass es in den 1920er-Jahren noch Mode war, Protein anzuprangern und eiweißarme Diäten gegen das Unheil anzubieten. Damals gab es freilich noch nicht die Publizität und den Markt für solche Themen. Heute geht das alles viel schneller. Denn nun – bereits wenige Jahre nach dem Einsetzen des Hypes – beginnt sich das Blatt zu wenden.
Zusammengefasst schreibt Matt Stone in seinem Artikel darüber, dass nach einer anfänglichen Hoch-Phase durch die Ernährungsumstellung (bedingt durch höhere Adrenalinproduktion) ein schweres Tief durch die eintönige Kost folgt, begleitet bzw. hervorgerufen durch eine Erschöpfung des Adrenalinsystems. Die Menschen fühlen sich – ganz im Gegensatz zur anfänglichen Euphorie – nun ausgezehrt, ständig müde und antriebslos. Auch die Körperzusammensetzung wird wieder schlechter. Oft wird dies zum Anlass genommen, noch strenger den Regeln des Paleo-Systems zu folgen – mit der Folge, dass sich die Abwärtsspirale gefährlich zuspitzt. So Matts These, die er auch in einem aktuelleren Artikel – nomen est omen Paleo Fail getauft – unterstreicht.
Nun beginnt das, was zu erwarten war. Wie Matt Stone in seinem Artikel prophezeit hat, mehren sich nun die Negativ-Berichte über Paleo, spezifischer Low-Carb Paleo. Immer mehr Leute erleben die Bruchlandung, die diese Ernährungsform nach sich zieht.
Either those adrenal receptors close (which is why stimulants are addictive, you feel tired when you are not on them after prolonged use, and it takes increasingly larger doses to get a high from them), or those glands themselves just get tired and start to shut down. Suddenly you start to get grouchy. Fat not only stops falling off of your body, but comes back. Your energy levels fall. Your blunted appetite becomes an insatiable appetite. And in my case, my asthma returned, I never felt rested no matter how much I slept, my skin health – once dramatically improved began to erode with breakouts here and there even while eating “cleanly,” and more.
Es ist nur logisch, dass das so kommt. Denn die Leute folgen einem System und nicht ihrem Körpergefühl. Als wären die Thesen und empirischen Daten von Blog-Schreibern und Wissenschaftlern für die Einzelperson passendere Ernährungsmuster als ein kontinuierliches Hören auf den eigenen Körper und sein (Nicht-)Wohlgefühl. Nun beginnen die Autoritäten zu reagieren und geben zögerlich ihren Sanctus auf möglichst unschädliche Kohlenhydratquellen wie weißen Reis (“wenig Antinährstoffe”) oder Kartoffeln (“am besten Süßkartoffeln, die sind ursprünglicher”).
Meine Beschäftigung mit der Materie hat bei mir eine neu geschaffene Essstörung hinterlassen. Seit ich diese Systeme alle von innen kennen gelernt habe, betrachte ich Essen nicht mehr wie früher als wohlschmeckend oder pfui, sondern sehe in erster Linie Perzentile an Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten. Zwar verstehe ich heute besser als damals, wie Nahrungsmittel auf den Körper wirken können, dennoch bin ich gefangen durch die Stigma, die auf verschiedenen Nahrungsgruppen liegen. Ich habe über ein Jahr lang kein Brot gegessen (außer zu speziellen Anlässen), da ich die Kohlenhydrate für schlecht befunden habe. Noch lange nachdem ich zu meiner Freundin gezogen bin habe ich mich nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten schlecht gefühlt. Ich habe ihnen die Schuld daran gegeben, dass ich Schritt für Schritt Gewicht zulege. Wenn mehr Fett in den Mahlzeiten ist, dann ist das besser für meinen Körper, denn nicht die Gesamtkalorien zählen, sondern die Zusammensetzung. So dachte ich.
Heute bin ich über die meisten dieser Limitationen hinweg. Das Protein sucht mich immer noch heim (das heißt: Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht ausreichend davon bekomme), allerdings hat diese Facette meiner Orthorexie noch die meiste Substanz – mehr Protein verbessert mein Gesamtbefinden und meine Regeneration nach Trainingseinheiten. Bei Kohlenhydraten wie Fetten zugleich habe ich heute keine zwanghaften Gedanken mehr. Mir ist heute bewusst, dass weder gesättigtes Fett noch kurzkettige Kohlenhydrate des Teufels sind, sondern dass es das Maß macht. Interessant ist auch, dass ich – durch tägliches Messen belegt – deutlich abgenommen und meine Körperzusammensetzung verbessert habe. Ich habe die mir am sinnvollsten erscheinende Methode gewählt: Weniger oft essen, und die Portionen etwas reduzieren. Wie schon vor Jahren, als ich durch weniger Essen insgesamt 20 Kilogramm abgenommen habe hat auch hier wieder die einfachste Methode das beste Ergebnis gezeigt. Etwas, das zu akzeptieren ich mich Jahre gewehrt habe.
Angesichts dessen betrachte ich die Entwicklungen in Expertenkreisen nun – ähnlich wie Außenstehende das auch tun würden – mit mindestens einer hochgezogenen Augenbraue. Es hat schon etwas tragikomisches, wie sich intelligente Menschen so fanatisch auf ein so triviales Thema stürzen können und sich richtiggehend gegenseitig zerfleischen, wenn es um ein Ja oder Nein zu Kartoffeln (!) geht. Trivial ist das Thema nicht, weil es unwichtig wäre. Die richtige Ernährung ist in meinen Augen ein sehr zentrales Thema für die Gesundheit und das Wohlbefinden eines jeden Menschen. Allerdings helfen da Systeme nur sehr, sehr eingeschränkt – idealerweise in der Form von Prinzipien. Die Einzelheiten sind eine Frage des Körpergefühls und von Experimenten. Ich bin der Meinung, dass es ein zentraler Faktor der menschlichen Entwicklung zum intellektuellen Homo Sapiens war und ist, dass wir uns durch unseren menschengemachten Fortschritt von der Notwendigkeit befreit haben, den Gutteil des Tages mit banalen Themen wie der Beschaffung von Brennholz und Essen zu verbringen. So haben wir die Zeit und Freiheit gewonnen, unseren Geist zu verwenden.
Die Paleo-Szene hat also sichtlich Freude daran, nicht nur essenstechnisch wieder in die Steinzeit zurück zu wandern.
Meine Empfehlung: Lebens-Mittel kaufen und lesen (es ist trotz Schwächen immer noch eines der weiseren Bücher zum Thema), der dort präsentierten Prämisse folgen und für Bewegung sorgen. Über das, was für die meisten Menschen im Zentrum eines gesunden Lebensstils stehen sollte schreibe ich ein andermal.
Nach dem Publizieren habe ich mit meiner Freundin meinen Beitrag zum Thema durchdiskutiert. Ich war und bin mit dem Ergebnis unzufrieden. Doch warum? Ich finde ihn nicht echt. Gut analysiert, mag ja sein – aber viel zu nah dran an Hirnwixerei um das so stehen zu lassen.
Folgende Aussage von ihr hat sich bei mir gehalten: Ihr wie mir passiert es schnell, viel zu schnell dass wir der Meinung sind, eine eigene Meinung zu haben – in Wahrheit aber nur das abgewandelt nachplappern, was wir anderswo gelesen haben. Scheinwissen, Halbwissen, alles von außen und fremd von mir. Sie legte mir nahe, das Thema auf Basis meiner eigenen Erfahrungen und Empfindungen zu beschreiben. Darin bin ich schließlich konkurrenzloser Experte.
Wann fühle ich mich psychisch gesund? Wann krank? Welche Faktoren wirken da und inwieweit kann ich das auf Menschen umlegen, die verschieden von mir sind?
Vorab: Ich bin selbst in psychotherapeutischer Behandlung. Ob das bedeutet, dass ich krank bin, kommt auf die Definition von Krankheit an. Wenn ich Kranksein als Unfähigkeit, alltägliche Begebenheiten zu bewältigen definiere, dann bin ich es definitiv nicht. Wenn ich Kranksein als im Unreinen sein mit der Beziehung zu mir selbst definiere, dann trifft es das schon eher. Für mich ist Therapie ein Prozess zur Wiederherstellung einer guten Beziehung mit allen Kräften (Anteilen), die mir selbst wirken.
Im Rahmen der Therapie beschäftige ich mich oft mit der Frage dessen, welche Motive hinter scheinbar sinnlosen/schädlichen Verhaltensmustern stecken. Ich komme in schöner Regelmäßigkeit dahinter, dass solche Muster einen Sinn hatten – im Sinne einer Schutzfunktion. Nur hat er in meiner heutigen Lebenssituation so keinen Platz mehr. Es geht darum, ein neues Muster zu kultivieren und es durch bewusste Anwendung in den Alltag zu integrieren, das besseres Umgehen mit mir selbst als Basis hat.
Dabei ist Achtsamkeit ein zentrales Thema. Um heraus zu finden, welche Kräfte wirken, muss ich mir ihrer bewusst sein. Die Psyche macht es – um sich selbst zu schützen – gern so, dass sie bei unangenehmen Situationen gerne weg schaltet. Das kann alle Farben und Formen annehmen. Populär ist zum Beispiel (Auto-)Aggression oder Verfremdung. Da ist es dann für den Geist einfacher, jemanden anzuschreien oder gekünstelt eine Maske aufzusetzen als sich der sonst eintretenden Hilflosigkeit auszusetzen. Wenn diese Situation achtsam durchlebt wird, dann gibt es keinen Weg daran vorbei, die unangenehmen Empfindungen ungefiltert zu erleben. Erst dann wird Veränderung möglich. Um so weit zu kommen braucht es Instrumente – Affirmationen, Körper- und Atemübungen, etc.
Achtsamkeit macht klar, dass es mit dem Glücklich sein nicht so ist, wie das gerne publiziert wird. Wer achtsam lebt, der hat das Potential, ganz und gar anwesend zu sein, wenn er glücklich ist. Das ist eine tiefe Empfindung, die sehr erfüllen kann. Wer achtsam lebt, akzeptiert aber gleichzeitig die andere Seite der Medaille: Stimmungstäler ebenfalls ganz und gar zu erleben. Wer achtsam lebt, nimmt den Filter vor seinen Empfindungen weg – egal, in welche Richtung sie gehen. Das nennt man dann ein assoziiertes Erleben, welches im Gegensatz zum dissoziierten Erleben steht, bei dem der Mensch neben sich ist.
Das ist in beide Richtungen nicht leicht zu ertragen, deshalb ist Achtsamkeit ein Prozess. Sie entwickelt sich nur langsam. Ich bin darin noch nicht weit genug fortgeschritten um zu verstehen, was geschieht, wenn ich sie besser kultiviert habe.
Die Konsequenz daraus ist: Veränderung bei psychischen Problemen braucht Einsatz und Geduld, wenn die Veränderung tiefgreifend und nicht nur oberflächlich sein soll. Ich kenne es vornehmlich aus US-amerikanischer Lektüre: Der Zeitgeist fordert Methoden, die radikale Änderungen möglichst ohne Aufwand und möglichst sofort versprechen. Hier gilt meiner Meinung nach ebenfalls: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es meist auch so.
Psychopharmaka versprechen meinem Wissen nach eine rasche “Lösung” des Problems. In Wahrheit löst ein Medikament gar nichts. Es behandelt nur die biochemischen Symptome und fesselt den Patient an eine Abhängigkeit. Die momentane Verbesserung der Situation macht es aber zum Mittel der Stunde, solche Medikamente zu verabreichen. Das nähert die Zeitgeist-Forderung nach der Silver Bullet möglichst gut an, führt aber gleichzeitig zu Horrorvisionen einer Gesellschaft à la Brave New World.
In Wahrheit weiß ich allerdings praktisch nichts über Psychopharmaka außer dass ich sie für mich kategorisch ausschließe.
Was haben meine eigenen Erfahrungen nun mit der Gesellschaft zu tun? Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen in verschiedensten Lebensbereichen dissoziiert sind. Sie scheinen mir Schläfer zu sein – Menschen, die nicht von den Mustern und Strukturen wissen, denen sie tagtäglich Folge leisten. Achtsamkeit und das damit verbundene Erwachen von Bewusstsein ist in meinen Augen auch gesamtgesellschaftlich ein Weg zu tieferem Verständnis des Selbst und Miteinanders. Depression und andere psychische Krankheiten können auch als Fluchtplätze interpretiert werden – mentale Orte, die der Geist schafft, um sich mit Verletzungen nicht auseinander setzen zu müssen. Krankheit ist eine Sprache, die etwas über uns aussagt. Bewusstsein entschleiert solche Ausflüchte und decodiert diese Geheimsprache. Wie schmerzhaft auch immer: Dadurch kann Veränderung geschehen.
Heute inspiriert mich cbx zu einem Beitrag zum Thema gesellschaftliche Dimension von psychischen Krankheiten. Den Artikel auf derstandard.at habe ich selbst am Veröffentlichungstag gelesen – er war als Leitartikel für den Tag auch nicht zu übersehen.
In erster Instanz war ich über die dort eruierten Zahlen mehr als überrascht. Die offiziellen Zahlen schreiben von 900.000 Menschen, die wegen psychischer Krankheit in Behandlung sind – mehr als jeder Zehnte. Bislang war ich davon ausgegangen, dass dieser Prozentsatz deutlich geringer ausfällt. Vielleicht zwei oder drei aus hundert Leuten. Da habe ich mich ganz offensichtlich geirrt und die Seele der österreichischen Bevölkerung ist kränker als bislang angenommen. Noch krasser sieht mein Irrtum aber aus, wenn ich über die Patienten sinniere, die Psychopharmaka zur Behandlung ihrer Probleme einnehmen. 840.000. Das sind 93% aller wegen psychischer Leiden behandelten Menschen. In meiner Vorstellung sah es bisher so aus, dass Psychopharmaka nur ein Thema für die psychisch schwerkranken Menschen sind und die übrigen 90-95% mit Psychotherapie allein gut zu kommen. So scheint die Welt nicht auszusehen.
Dennoch habe ich mich bis zu cbxs Stellungnahme nicht näher mit dem Artikel beschäftigt. Ich fand die Untersuchung zu oberflächlich und sehe mich nun bestätigt. Eine der ersten Fragen muss meiner Meinung nach nämlich sein: Ab wann zähle ich zu den Menschen, die wegen psychischen Leiden in Behandlung sind? Wenn ich eine Kurzzeittherapie bei einem Therapeuten mache? Wenn ich zu den Stammgästen auf der roten Couch zähle? Wenn ich wegen akuter depressiver Störung nach Psychopharmaka frage? Interessanter wären harte Zahlen zu den echten Langzeitfällen – gerade im Bezug auf Psychopharmaka.
Eine weitere zentrale Frage ist die der Hintergründe. Sie nimmt den Löwenanteil im Artikel des Standard, den darunter geschriebenen Kommentaren und der erwähnten Stellungnahme ein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Grund heraus, dass sich diese Frage nicht in harte Zahlen bzw. Worte gießen lässt. Es gibt keine allgemeingültige Erklärung, warum es auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu einem Mehr und Mehr an registrierten (!) psychischen Erkrankungen kommt. Ehe ich meine eigenen Gedanken dazu präsentiere, möchte ich einen für mich sehr aufschlussreichen Kommentar unter cbxs Beitrag im Volltext zitieren, verfasst von Herrn Hans Moser
Depression ist eine Wohlstands- und Zivilisationskrankheit. Bei Naturvölkern, die weder Lendenschurz noch iPhone kennen gibt es praktisch keine Depression. Je höher der Lebensstandard, desto mehr Depression.
Natürlich kann man sich fragen, in wie weit Diagnostizierung und Auftreten zusammenhängen. Es gibt eine ganze Menge von Faktoren, die die Anzahl diagnostizierter Erkrankungen senken. Stell dir vor ein Mann erzählt seinen Kumpels, dass er zum Psychiater geht, weil er Depressionen hat und es ihm richtig dreckig geht. Stell dir das Selbe bei einer Frau vor.
Richtig, “echte” Männer haben keine Depression, die sind hart.
Mittlerweile ändert sich das aber auch, wie auch weinende Männer, die Gefühle zeigen salonfähig geworden sind.
Persönlich glaube ich, dass es früher tatsächlich weniger Depression gab. Mit der Akzeptanz und der Möglichkeit, diesen Problemen mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, treten sie auch öfter in Erscheinung. Wäre früher bei der 70 Stunden Woche keine Zeit gewesen, in sich hinein zu hören und um seine Befindlichkeiten zu kümmern, setzen sich die Leute heute hin und philosophieren über ihr Dasein, anstatt da zu sein. Wurde früher der Gedanke an so etwas wie “Depression” verworfen, weil sowas nur Frauen und Weicheier haben und statt dessen der Selbstschutzmechanismus des mechanischen Fortschreitens aktiviert, geht man heute zum Arzt und sitzt danach fast sicher auf der Couch. Und praktisch jeder den ich kenne würde genug Futter für einen Psychotherapeuten oder zumindest einen Psaychoanalytiker hergeben.
Ob die Verdrängung und Unterdrückung ein sinnvoller Umgang ist lasse ich mal dahin gestellt.
Auf der anderen Seite glaube ich auch, dass es heute viel einfacher ist depressiv zu werden als früher. Der Horizont ist breiter geworden und auch die möglichen Wege, sich selbst und (s)eine Aufgabe im Leben zu finden sind zahlreicher geworden. Die ehemals strikteren sozialen Normen haben die Handlungsfreiheit eingeschränkt und relativ klare Wege durchs Leben vorgegeben. Dein Vater war Maurer, du übernimmst den Familienbetrieb. Mit 25 muss das Kind da sein und der Mann den Ring übergestreift haben. Sei ein braves Mädchen und dein Leben verläuft in geordneten Bahnen.
Heute dominiert das Dogma der “Individualität” und eine dauerhafte Verunsicherung. Egal um was es geht, es wird Unsicherheit geschürt. Krankheit, Erziehung, Beruf, Geld, Politik, Internet – überall gibt es skandale, Betrug und vor allem Möglichkeiten, alles mögliche falsch zu machen oder am Ende doof da zu stehen.
Im Gegenzug dazu ist die Kompetenz des durchschnittlichen Bürgers nicht gewachsen, mit diesen Einflussfaktoren umzugehen.
Es ist ja eine Zivilisationskrankheit.
Um das ganze kürzer zu fassen:
Als offiziell anerkannter Depressionist gebe ich dir in deiner Kernthese recht.
Wie es mit der übermäßigen oder vorschnellen Verordnung von Psychopharmaka aussieht ist eine andere Sache. Ohne gleichzeitige Therapie ist das wohl selten geworden. Über Sinnhaftigkeit oder Übermaß sagt das aber wenig aus und hier fhelt mir auch mal die Expertise große Reden zu schwingen.
Dieser Stellungnahme schließe ich mich an. Ich leite daraus folgende (hoffnungslos naive) Kausalkette ab:
Beständige Strukturen (solche, die unabhängig von der subjektiven “Leistung” eines Menschen bestehen) sind ein zentrales Element psychischer Gesundheit. Wenn es dem Menschen schlecht geht, braucht er etwas, woran er sich festhalten kann. Sonst fällt und fällt und fällt er.
Der Trend zum Individualismus untergräbt die Bausteine solcher beständigen Strukturen. Der Zeitgeist ist es, sich von der Kirche abzuwenden, die Familiengründung zugunsten der individuellen Entfaltung möglichst weit aufzuschieben und alles aus seinem Leben auszublenden, was der aktuellen Orientierung nicht genüge tut – das umfasst oft auch die eigenen Eltern / Verwandten.
Individualismus bedeutet auch, immer selbst in der ersten Reihe stehen zu müssen. Der Dienst am Nächsten ohne etwas zurück zu erwarten tritt in den Hintergrund, da er den eigenen Zielen nicht zuträglich ist.
Konsequenterweise besteht eine Gesellschaft von Individualisten aus Menschen, die in erster Linie an sich selbst denken. Das fördert ein Gefühl von Isolation.
Diese Isolation wird schlagend, wenn sich (unvermeidbarerweise) einmal ein Tief einstellt. Dann ist der Mensch allein mit seinem Problem.
Das ist natürlich nur einer von vielen Gründen und eine von vielen Dimensionen. Es gibt auf der anderen Seite auch zahllose Menschen, die sich zum Beispiel im Dienst am nächsten vollkommen aufreiben, weil sie (ganz im Gegenteil) gar nicht an sich denken. Sei der Nächste nun der Chef, die Glaubensgemeinschaft, die eigene Familie oder der Freundeskreis. Differenziert betrachtet ergibt sich daraus zwangsweise eine zentrale Frage: Wie viel Individualismus ist gesund und wie viel Opfer kann man bringen ohne sich dabei aus Versehen selbst zu opfern?
Natürlich gibt es auf diese Frage eine Antwort. Nur muss diese für sich selbst zu finden. Für langfristige psychische Gesundheit ist das meiner Meinung nach unabdinglich. Des einen Lebenstraum gerät schnell zur Hölle auf Erden des anderen.
In den letzten Tagen und Wochen plagen mich Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Blogs. Regelmäßig lese ich andere Blogs, deren Schreibstil mir sehr imponiert – wenn ich danach meine eigene Schreibe betrachte, fühle ich mich, als sei es besser, ich lege die digitale Feder ad acta. Unsere Nachbarin Sandra meinte letztens zu meiner Freundin, dass ihr ihr Blog gefalle. Meinen hat sie sich auch angesehen, wird ihn aber nicht weiter verfolgen. Er ist ihr zu männlich. Damals habe ich darüber geschmunzelt und mich wieder in den Liegestuhl sinken lassen.
Mittlerweile ist es gesickert. Beständig beschäftigt es mich, wenn ich an diesen Weblog denke. Zu männlich. Verdammt! Was soll das überhaupt heißen? Ich denke, sie meint damit, dass ich schreibe, als hätte ich einen Straßenbesen zum Frühstück gegessen, der mir jetzt oben wieder heraus kommt. Einen großen mit dicken Borsten. Soll heißen: Meine Schreibe liest sich zum Gähnen steif und leblos. Sie liest sich, als würde hier ein bis zu den Fingerspitzen vergeistigter Akademiker sitzen, der sich seiner Anti-Lebenslust voll und ganz hingibt. Meine Freundin kann bestätigen, dass das nicht (immer) zutrifft – auch wenn ich als Steinbock alle Anlagen dazu hätte.
So richtig zum Brennen begonnen haben die Gedanken an die leblose Schreibe erst diesen Montag. Ich habe den Blog von cbx zu lesen begonnen und konnte stundenlang nicht damit aufhören. Mir hat die Lebendigkeit vieler Beiträge extrem gut gefallen. Und schon finde ich meinen Blog noch ein ganzes Stück lebloser.
Mein Blog läuft unter dem Titel soul space – ein Platz für alles, was meine Seele so beschäftigt. Dafür war er bisher immer schön weit von mir und meinen Gefühlen entfernt. Das ist ein Ausdruck einer Herausforderung, der ich mich seit – ja, seit wann eigentlich? – zu stellen habe: In Kontakt mit meinen Empfindungen zu treten. Im Rahmen meiner fortlaufenden Psychotherapie bin ich dahinter gekommen, dass ich mich mit Vorliebe von allem, was echte Emotion ist, gern so weit distanziere, wie es nur irgendwie geht. Und schon wirkt mir mein eigenes Leben leblos. Wie soll ich da auf dem digitalen Papier vor Spaßigkeit sprühen?
(Meine Freundin meinte im Übrigen gerade, ich sei lustig und habe tolle kreative Ideen. Den Stock im schreiberischen Hintern bin ich deswegen auch nicht los geworden. Hrmpf.)
Idealerweise ist das Lesen eines Blogs so, als würde ich dir bei einem Getränk oder Essen gegenüber sitzen und dir etwas erzählen. Ich vernichte mit meinen Worten die hunderten Kilometer Distanz zwischen uns – dir Leser und mir. Du kannst dich in mich hinein versetzen und lebst die Situationen durch meine Augen noch einmal durch. Das ist packendes Schreiben. Packend kann es aber erst werden, wenn ich damit aufhöre, Worte im Text zu verwenden, die ich im sprachlichen Umgang nie anfassen würde.
Kurzum: Ihr werdet in den nächsten Artikeln eine Veränderung feststellen. Wenn nicht, dann habe ich den Stock immer noch nicht aus dem Hintern bekommen. So spießen kann er sich ja gar nicht. Oder etwa doch?
Gestern Nacht habe ich mit meinem Freund Simon das Konzert von Long Distance Calling in der Spinnerei Traun besucht. Begleitet wurden die deutschen Instrumentalmusiker von den Hamburger Nihiling und den Lokalmatadoren Amity in Fame, die den Abend als Promotion für ihr neues Album Through verwendet haben.
Ich habe gestern von allen drei Bands gute Erinnerungen mitgenommen. Nihiling haben mich wirklich überrascht und sind für weltoffene Musikfreunde mehr als nur ein Hinhören wert. Bei Amity in Fame hatte ich Freude am Klang der verwendeten elektroakustischen Gitarre. Long Distance Calling waren mir als einzige auftretende Gruppe bereits vorab bekannt und haben die Qualitäten ihrer Studioaufnahmen verlustfrei aus die Bühne umsetzen können. Bei allen drei Bands war die Tontechnik wunderbar – das kenne ich leider von früheren Konzerten anders. Bei gut besuchtem Konzertsaal war das Publikum zurückhaltend – allen Aufforderungen nach vorne zu kommen zum Trotz. In den Metern vor der Bühne war freies Bewegen kein Thema, der Platz in der ersten Reihe nie umkämpft. Ungewöhnlich.
Auf der Eintrittskarte steht unmissverständlich: Photographie verboten! Dennoch haben einige Gäste während Nihilings Auftritt zu photographieren begonnen. Auf meine Nachfrage hin fand ich heraus, dass es scheinbar doch kein Problem sei, Photos zu schießen. So bin ich bei den Auftritten von Amity in Fame und Long Distance Calling doch noch zu neuen Erfahrungen und Bildmaterial gelangt.
Für mich war es das erste längere Shooting im unruhigen Bühnenlicht. Die Wechsel von Helligkeit und Finsternis waren weniger für mich als für den Autofokus eine Herausforderung. Unter Verwendung eines einzelnen Autofokus-Punktes (Zentrum) konnte ich die besten Ergebnisse bei großer Blende erzielen. An manuell fokussieren war nicht zu denken. Wie ein sich bewegendes Objekt bei einer Schärfentiefe von wenigen Centimetern sauber manuell im Fokus halten? Das ist mir ein Rätsel. Ein erfahrener Photograph möge mich aufklären.
Nachfolgend eine kleine Kostprobe des Bildmaterials. Das komplette Set kann hier herunter geladen werden.
Wer Lust auf die Jungs von Long Distance Calling bekommen hat, hat vielleicht das Glück, in der Nähe einer der nächsten Tour-Locations zu wohnen.
Ein Container voller Erinnerungen, Empfindungen, Verhaftungen und neuer Freiheit
2011 ist für mich und meine Freundin Julia definitiv das Jahr des Entrümpelns. Julia hat in ihrem Blog bereits darüber geschrieben, wie wir im Februar damit begonnen haben, unsere gemeinsame Wohnung von vielen Gegenständen zu befreien. Gegenstände, die unsere Lebensenergien stagnieren lassen. Wir wurden stark von Karen Kingston’s Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags beeinflusst, das uns die Augen geöffnet hat: Materieller Müll führt zu vielfältigen Blockaden und Stagnation. Werden die eigenen Gegenstände bewusst verwaltet, kann die Energie frei durch den Raum fließen.
Mittlerweile sind wir beide mit unserer Wohnung zufrieden – doch dort machten wir keinen Halt. Mittlerweile haben wir zusätzlich mein altes Zimmer im Haus meiner Eltern entrümpelt. Dieses Zimmer hat mittlerweile mein jüngerer Bruder okkupiert. Er lebte bislang inmitten meiner alten Gegenstände. Dieses Zimmer ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie ein unsauberer Schnitt geschieht: Ich bin ausgezogen, doch mit meinen Gegenständen ist eine Menge von mir zurück geblieben. So kann dieser Raum nicht zu jemand anderes Zimmer werden, da meine Energien darin noch wohnhaft sind. Nun ist der Raum von all dem befreit, was mein Bruder von meinen Sachen nicht verwendet. Jetzt ist der Weg frei, es nach seinen Vorstellungen zu gestalten und seinen Platz darin zu finden.
Die größte Überraschung war für meine Freundin und mich allerdings dieses Wochenende: Ihre Eltern haben sich nach einer viele Jahre langen Phase der Frustration mit der zunehmenden Präsenz entsorgungswürdiger Gegenstände in ihrem Haus dazu entschlossen, dem ein Ende zu bereiten. Ein Müllcontainer wurde vor das Haus beordert und mit tatkräftiger Mithilfe meiner Freundin und mir in den letzten beiden Tagen bis an den Rand gefüllt. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viel Müll sich über Jahre ansammeln kann und welche Emotionen in den Menschen hochkommen, wenn sie die alten Strukturen aufreißen. Mit aller Kraft legt sich etwas in ihnen gegen das Loslassen von Gegenständen, die seit Jahren nicht mehr angesehen wurden quer. Die ganze Frustration und die mit den Gegenständen verbundenen Emotionen kommen wieder an die Oberfläche. Zahllose Erinnerungen werden geweckt und der eine oder andere alte Schatz wird neu entdeckt. So nehme ich neben Eindrücken auch einen ganzen Stapel an Ordnern mit alten Photographie-Magazinen mit nach Hause.
Wie viel Kleidung sich über die Jahre ansammeln kann. Nicht nur Karen Kingston rät: Behalte nur, was du anzuziehen liebst!
Mein nächstes Projekt wird sein, meine eigenen Eltern vom bereits zu lange aufgeschobenen Entrümpeln zu überzeugen. Die positiven Effekte des materiellen Entschlackens sind die beste Werbung. Bereits dieses Wochenende wurden wir von vielen anderen Bewohnern des Dorfs in dem Julias Eltern leben angesprochen. Viele von ihnen haben zu Protokoll gegeben, dass ihnen so eine Entschlackungskur ebenfalls gut tun würde. Durch ein lebendiges Vorbild kann Veränderung gestiftet werden. Das freut mich und so bin ich nach zwei Tagen anstrengenden Entrümpelns müde aber zufrieden.
Motiviert, etwas in den eigenen vier Wänden zu bewegen? Ein Crashkurs im Entmüllen der eigenen Umgebung folgt in Kürze hier auf soulspace.cc Wer entweder nicht warten kann oder viel mehr Details wünscht, dem empfehle ich den kostengünstigen Erwerb von Karen Kingston’s Buch. Meine Freundin und ich waren tagelang wie elektrisiert davon.
Was wir wollen stimmt oft nicht mit dem überein, was wir brauchen.
Das ist eine Erkenntnis, die mich die letzten Tage immer wieder ereilt. Wenn ich bewusst darauf acht gebe, türmen sich die Situationen, in denen das, was ich jetzt brauche in einem krassen Gegensatz zu dem stand, was ich will. US-Persönlichkeitscoach Larry Winget meint dazu:
Stress comes from knowing what is right and doing what is wrong.
Ich versuche das an Beispielen zu illustrieren:
Ich bin gestern müde gewesen und hätte Ruhe für meinen bereits überladenen Geist gebraucht – meine Augen schließen und mich hinlegen oder einen Spaziergang genießen. Gesehnt habe ich mich aber nach viel Musikhören und dem Lesen im Internet – zwei Tätigkeiten, die mich innerlich erfahrungsgemäß noch mehr unter Stress setzen.
Vorgestern hatte ich einen Knoten im Hirn. Ich war mir nicht sicher, ob ich Conditioning in meinen Trainingsplan aufnehmen soll – der Wunsch nach guter Kondition zog an einem – die Angst davor, meine Substanz zu verbrennen am anderen Ende eines Stricks. Gesehnt habe ich mich nach einem Artikel, der mir die Entscheidung abnimmt. Gebraucht habe ich Erfahrungswerte, um wirklich über den Sachverhalt Bescheid zu wissen.
Heute Morgen hatte ich – wie so oft, wenn ich keine konkrete Tagesplanung habe – Lust darauf, quer durch das Internet zu lesen. Gebraucht habe ich, dass ich endlich zu schreiben beginne und damit meine Publikationsstarre überwinde, damit meine zahllosen Artikelideen vom Gedankenblitz zum Schriftstück reifen können
Das Spannungsfeld zwischen Bedürfnissen und Sehnsüchten stellt die Grundproblematik der Prokrastination dar: Viele Menschen neigen dazu, eher die Tätigkeit zu wählen, die kurzfristig Komfort schafft und langfristig bereut wird – statt die Tätigkeit zu wählen, die zu beginnen kurzfristig Überwindung benötigt und langfristig Zufriedenheit schafft. Dieses Verhalten führt langfristig zu einem zunehmend unerträglichen Stapel an unerledigten Aufgaben, der den Geist vergiftet. Wie ich in einem früheren Artikel bereits geschrieben habe:
Motivation musst du dir schon erarbeiten.
Einmal damit begonnen, den Stapel abzuarbeiten ist es leichter, am Ball zu bleiben. Dazu muss aber erst einmal das destruktive Verhalten aufgedeckt werden, sich eher den Sehnsüchten als den Bedürfnissen zu widmen.
Welche Erfahrungen habt ihr bereits damit gemacht?